[Getextet] Die Lebenszeit

DasPoetikum

Die Lebenszeit

Unter dem Deckmantel der Nacht
Flieht sie hinweg
Ohne Aufsehen zu erregen
Verschwindet sie vor aller Augen
Spinnt ihren Faden durch Traum und Welt
Sie flieht hinweg
Unter dem Deckmantel der Nacht

Auf lautlosen Schwingen des Tags
Fliegt sie dahin
Und im Takt der schlagenden Flügel
Stürzt überhastet der Mensch
Über die Fallstricke ihres Müßiggangs
Sie fliegt dahin
Auf lautlosen Schwingen des Tags

Auf Zehenspitzen tanzender Wochen
Wirbelt sie vorbei
Dreht sich im Kreis, niemals auf der Stelle
Ist die Prima Ballerina auf der Lebensbühne
Im Evakostüm tanzt sie wild und selbstvergessen
Sie wirbelt vorbei
Auf Zehenspitzen tanzender Wochen

Auf müden Beinen in die Jahre gekommener Monate
Stolpert sie davon
Zählt sie ihre Schritte in Lebenserfahrung
Bedächtig, immer vorwärts, nie zurück
Misst sie sich im Wettlauf nur mit sich selbst
Sie stolpert davon
Auf müden Beinen in die Jahre gekommener Monate

Auf den Spuren ins Land gegangener Jahre
Geht sie hinfort
Erklingt am Horizont des Kindheitsechos vergangener Ruf
Erwidert von der Nachtigallen bittersüßem Gruß
Ihr schwerer Gang den Lebensabend verkündend
Sie geht hinfort
Auf den Spuren ins Land gegangener Jahre

© Wiebke Schulte

Inspiriert durch das Goethe-Zitat: „Gedankenlosigkeit, die uns den Wert des Augenblicks verkennen läßt.“ (Das Zitat hat es nicht bis in die Endversion geschafft) sowie durch zwei Zeichnungen der Illustratorin Marie Cardouat https://www.instagram.com/mariecardouat

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