Das Buch liegt auf einem Demo-Plakat auf dem steht: "Keep Abortion Save & Legal". Um das Plakat herum liegen Kleiderbügel aus Metall.

[Rezension] Potevi pensarci prima

Potevi pensarci prima – Gilda Sportiello

Das Buch liegt auf einem Demo-Plakat auf dem steht:

Verlag: Rizzoli | Seiten: 204
Erscheinungsjahr: 2025

Kurzbeschreibung

„Vor vierzehn Jahren entschied ich mich für eine Abtreibung“ – als im April 2024 die italienische Abgeordnete Gilda Sportiello der Partei Movimento Cinque Stelle diese Worte im Parlament ausspricht, muss sie sich im Nachgang mit Kommentaren wie „Das hättest du dir vorher überlegen sollen!“ auseinandersetzen. Doch von dem Hass, der ihr entgegenschlug, hat sie sich nicht unterkriegen lassen. Aus ihrer Resilienz und ihrem Verlangen nach Veränderungen ist dieses Buch entstanden, in dem die Politikerin von ihren persönlichen und politischen Erfahrungen im Kampf um die Aufrechterhaltung und Durchsetzung des geltenden Rechts auf Abtreibung in Italien berichtet.


Meine Meinung

Noch nie war das Private so politisch wie in diesem Buch!

Das Buch habe ich mir im Sommerurlaub in Italien gekauft, zum Lesen bin ich allerdings erst jetzt gekommen – zufälligerweise während der EU-Ausschuss für die Rechte der Frauen und die Gleichstellung der Geschlechter (FEMM) über die Bürgerinitiative „My voice, my choice“ abstimmt. Dabei handelt es sich um eine Bewegung, die sich für sichere und zugängliche Abtreibung in Europa einsetzt. Zu dem Zeitpunkt, da ich diese Rezension schreibe, wurde die Initiative angenommen. Die Lage ist prekär, nicht nur, aber auch in Italien: Die Versorgungslage ist schlecht, geltendes Recht wird zum Privileg und immer weiter von der rechtskonservativen Regierung untergraben.

Dreh- und Angelpunkt des Buches ist die persönliche Erfahrung der Autorin: Ohne Scham und Rechtfertigungsnot erzählt sie von ihrer Abtreibung, die sie vor vierzehn Jahren vorgenommen hat. Sie beschreibt die Herausforderungen, die systembedingten Hindernisse, die politischen Einflüsse, die ihr den Weg nicht nur erschwerten, sondern sie gar aufhalten wollte. Und sie erzählt von der psychischen Gewalt, die ihr das Gesundheitspersonal angetan hat.

„Potevi pensarci prima“ ist eine gesellschaftspolitische Bestandsaufnahme der Versorgungslage bei Schwangerschaftsabbrüchen. Gilda Sportiello beschreibt die Macht der Abtreibungsgegner: Wie sie in den Beratungsstellen Frauen und Menschen mit Uterus manipulieren und indoktrinieren. Sie zeigt, wie sich die politische Rechte, die Abtreibungsgegner*innen und trans- und queerfeindliche Bewegungen in Abtreibungskliniken und -beratungsstellen freudig die Hand reichen. Mit besonderem Nachdruck diskutiert sie den beschränkten bis mangelnden Zugriff auf die Abtreibungspille: ein Unding.

Das Buch ist eine laute, entschiedene und starke Streitschrift, ein gesellschaftspolitisches Manifest, ein Aufklärungs- und Anklageinstrument. Die Forderung der Autorin ist simpel: Sie fordert die Regierung, die Mediziner*innen und das weitere dienstleistende Gesundheitspersonal dazu auf, sich einfach an geltendes Recht zu halten. Denn anders als in Deutschland, ist das Recht auf Abtreibung in der italienischen Gesetzgebung fest verankert und wird nicht kriminalisiert. Eine Abtreibung ist (unter bestimmten Bedingungen) legal (siehe Gesetz 194/78 vom 22. Mai 1978). Aber warum einfach, wenn es auch schwer geht? Im gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Klima scheint das schon zu viel zu sein.

Immer wieder verbindet die Autorin ihre Erfahrungen und ihr Wissen mit ihrer politischen Arbeit: Gilda Sportiello setzt sich vehement für die Rechte von Frauen und queeren Personen ein. In diesem Buch diskutiert sie ihre politischen Forderungen an die Regierung und Gesellschaft und zeigt, wie sie versucht, diese umzusetzen. Die Autorin äußert sich inklusiv: Sie spricht von Frauen und Personen mit Uterus. Sie bleibt sachlich, argumentiert entschlossen. Ihr Unmut, ihre Wut und ihre Entrüstung finden in den Zeilen trotzdem Platz und sind gerechtfertigt. Der Veränderungswille ist da und ungebrochen. Meine Unterstützung hat sie.

Das Private ist politisch: Die Autorin erzählt in der Kammer, dass sie abgetrieben hat und lässt diese Situation im Buch Revue passieren: Sie seziert die Hasskommentare, die sie in den Sozialen Medien daraufhin erreichten. Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund, nimmt die Kommentare minutiös und gnadenlos auseinander. Mit jedem Gegenargument entzieht sie den Kommentaren, die vor Frauenhass nur so trieften, den Nährboden.


Mein Fazit

„Potevi pensarci prima“ von Gilda Sportiello ist eine Kampfansage an die Kräfte, die Frauenrechte und vor allem das Recht auf Abtreibung untergraben und abschaffen wollen. Es ist ein Hoffnungsschimmer, der einen Blick auf eine gerechtere Welt erleuchtet. Absolute Leseempfehlung!


Weiterführende Informationen:

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