Frühlingszeit ist Buchmesse-Zeit!

Bücherfrühlingsduft #leipzigliesttrotzdem

Trotz Absage der Leipziger Buchmesse (LBM) konnte ich in der vergangenen Woche ein bisschen Buchmesse-Luft kosten – oder zumindest fast, denn mit eng ansitzender FFP2-Maske war da nicht viel zu schnuppern. Das war aber auch gar nicht weiter schlimm, denn viel wichtiger waren das Sehen, Reden, Entdecken und Zuhören.

16. März 2022: Erste Lesung im Literaturhaus Leipzig

Das Foto zeigt den Schmutztitel von

Meine Buchmesse-Woche begann mit der Lesung zum Roman „Die Eistaucher“ von Kaśka Bryla im Literaturhaus Leipzig: Eines Nachts wird eine Gruppe Jugendlicher, die sich „Eistaucher“ nennen, Zeug*innen eines brutalen polizeilichen Übergriffs, der ohne Konsequenzen bleibt. Die Jugendlichen nehmen daraufhin die Sache selbst in die Hand. 20 Jahre später taucht ein unbekannter Fremder auf, der von den Geschehnisse zu wissen scheint…

Die Moderatorin Ronya Othman (Autorin von „Sommer“) erschien mir sehr aufgeregt und eher spontan aufgelegt zu sein. Das hat die Autorin mit ihrer ruhigen und souveränen Art gut aufgefangen und ausgeglichen. Ich kannte Kaśka Bryla oder ihr Debüt „Roter Affe“ vor dieser Lesung nicht, aber ich bin froh, sie jetzt entdeckt zu haben und mich bald ihrem Roman „Die Eistaucher“ widmen zu können. Die Auszüge klangen vielversprechend und stilistisch nach etwas Neuartigem.

17. März 2022: Auf dem Nicht-Blauen Sofa

Den Donnerstagabend verbrachte ich, wider aller Erwartungen, menstruationsbedingt auf meinem heimischen Sofa und machte mich dort schon gegen 20 Uhr auf den Weg ins Traumland.

18. März 2022: Das Blaue Sofa und Laurie Penny

Von 11 Uhr am Vormittag bis ungefähr 16:30 Uhr am Nachmittag lauschte ich, mal mehr mal weniger aufmerksam, dem Lesungsprogramm des Blauen Sofas in der Kongresshalle am Leipziger Zoo.
Das Foto zeigt einen Teil des Eingangsbereichs zum Kongresssaal. Vor der Flügeltür steht ein Aufsteller. Darauf ist ein blaues Sofa abgebildet, darüber der Titel
In der riesig-hohen (und gut bzw. frisch belüfteten) Kongresshalle mit einem beeindruckenden Wandrelief an der Front lauschte ich mit gespitzten Ohren den Autor*innen

  • Marie Gamillscheg („Aufruhr der Meerestiere“ – Diesen Roman hatte ich bei der Planung gar nicht auf dem Schirm, aber ich bin froh, das Interview gehört zu haben, denn die Autorin und der Roman haben mich beide ziemlich beeindruckt. Übrigens bin ich bei Minute 17:19 der ZDF-Aufzeichnung zu sehen. Und ich verspreche euch, dass das Gespräch um einiges interessanter war als mein Blick verrät!),
  • Fatma Aydemir („Dschinns“ – Ich freue mich schon, der Autorin Ende März nochmal bei einer Lesung im Literaturhaus Leipzig zu begegnen.),
  • Lucy Fricke („Die Diplomatin“),
  • Yasmine M’Barek („Radikale Kompromisse“),
  • Lea Draeger („Wenn ich euch verraten könnte“),
  • Abdulrazak Gurnah („Fremde Gestade“) und
  • Berit Glanz („Automaton“).

Die Interviews waren insgesamt in Ordnung. Bei dem ein oder anderen Interview war mir im Anschluss nicht genau klar, worum es in dem vorgestellten Roman eigentlich geht. Das ist mir ganz besonders beim Interview des Nobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah augefallen. Erst in den letzten 5-10 Minuten widmete sich der Moderator dem Werk des Autors (die erste Frage nach seinem Werk kommentierte der Autor mit einer kleinen Jubelgeste). Das Gespräch mit Abdulrazak Gurnah wurde von einem Simultandolmetscher begleitet. Allerdings wurden die Worte des Nobelpreisträgers von dem Dolmetscher überblendet. Das war sehr schade!

Falls ihr euch selbst ein Bild von den Interviews machen wollt, findet ihr die Aufzeichnungen in der ZDF-Mediathek. Ich muss auch noch das ein oder andere Gespräch nachholen (ua „Eine Formalie in Kiew“ von Dmitrij Kapitelman und „Barfuß in Deutschland“ von Tete Loeper).

Zum Abschluss des Tages besuchten meine Begleitung und ich im soziokulturellen Zentrum die naTo die englischsprachige Lesung mit Laurie Penny (they/them) zum Buch „Sexuelle Revolution – Rechter Backlash und feministische Zukunft“ (ohne Dolmetscher*in). Wobei ich sagen muss, dass es ein Gespräch, und keine Lesung war. Im Gespräch mit der Moderatorin Sibel Schick diskutierte Laurie Penny, mit heiserer Stimme und mit einem Tee in den Händen (Zitat: „A throat tea, made of throats“), über mächtige Männer, männliche Macht und toxische Männlichkeit. They wartete mit einer Unmenge an Wissen, Diskussionsbedarf und Humor auf, dass es wirklich ein lehrreiches Vergnügen war Laurie Penny zuzuhören. They war dem Publikum nicht nur zugewandt, sondern auch zugetan.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich die Bücher von Laurie Penny bis zu den Planungen der Buchmesse-Woche gar nicht kannte, obwohl they zu den wichtigsten Feminist*innen der Gegenwart gehört. Diesem Umstand konnte ich zum Glück am Büchertisch abhelfen.

Sibel Schick (links) und Laurie Penny (rechts) sitzen an einem Lesungstisch.

19. März 2022: Buchmesse Pop-Up und die weibliche Wut

Das Foto zeigt eine große Halle mit vielen Büchertischen.Am Samstag war es dann endlich so weit: Um 10 Uhr ging es zur Buchmesse Pop-Up im Werk2 in Connewitz. Ich muss wirklich sagen, dass die Veranstalter*innen da etwas ganz Wunderbares auf die Beine gestellt haben. Über 60 Verlage präsentierten ihre Neuerscheinungen auf einfachen Tischen, ohne aufwendige Aufbauten. Den Samstag nutzte ich, um mir ein allgemeines Bild von dem Verlagsaufgebot zu machen. Ich habe viele bekannte Verlage besucht und noch mehr weniger bekannte für mich entdeckt. Ein wenig erinnerte mich die Machart der Messe an die BuchBerlin, nur dass im Werk2 sehr viel weniger bzw. fast gar keine Fantasy-Literatur vertreten war. Dennoch habe ich sehr viele spannende Buchentdeckungen gemacht, sodass meine Wunschliste sehr stark angewachsen ist (siehe weiter unten). In den Wochen vor der Buchmesse war ich nicht sicher, was mich dort erwarten würde und ob ein zweistündiges-Ticket-Slot ausreichen würde. Rückblickend kann ich sagen, ja, zwei Stunden waren ausreichend. Und meine Erwartungen wurden übertroffen.

Das Foto zeigt den Innenraum des Lokals Südbrause. Zu sehen sind viele unterschiedliche Stühle mit bunten Polstern.

In dem umfangreichen Lesungsprogramm bin ich selbstverständlich auch fündig geworden. Für 11:45 Uhr verabschiedete ich mich von meiner Begleitung und machte mich auf den kurzen Weg in die Südbrause zur Lesung des Romans „Ellis“ von Selene Mariani. Leider fiel die Lesung krankheitsbedingt aus. Kurzerhand improvisierten die Verlagsmitarbeiter*innen von Matthes & Seitz eine Ersatzlesung zum Buch „Büffelhaut und Kreatur“.

In diesem schmalen Büchlein ist ein außergewöhnlicher und wirkmächtiger Briefwechsel abgedruckt: Ausgangspunkt ist ein Brief von Rosa Luxemburg, den sie aus dem Breslauer Frauengefängnis an Sophie (Sonitschka) Liebknecht geschrieben hat. Darin beschreibt sie, wie sie aus ihrer Gefängniszelle heraus die Misshandlung eines Büffels durch die Hand von Soldaten beobachtet. Am 23. Mai 1920 entdeckte Karl Kraus diesen Brief und druckte ihn in der „Fackel“ ab. Daraufhin meldete sich eine Leserin mittels eines Briefes und entrüstete sich über diese Beschreibung – dieser Leserinnenbrief blieb von Karl Kraus nicht unbeantwortet. Die Lesung dieses Briefwechsel wurde mit mahnenden und anteilnehmenden Worten zum Krieg in der Ukraine begleitet und auch ich sehe in diesem Briefwechsel eine Mahnung. Rosa Luxemburgs Worte erinnern uns daran, dass wir im Angesicht von Gewalt und Leid (egal wer sie erfährt, Mensch oder Tier) nicht abstumpfen und dieser Gewalt nicht gleichgültig gegenüber stehen dürfen.

Im Anschluss folgten die Lesungen zum Graphic Novel „Furiositäten“ von Anna Geselle und zum Roman „Ein simpler Eingriff“ von Yael Inokai. Beide Bücher thematisieren die weibliche Wut, die in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert wird, während die männliche Wut eine normalisierte und akzeptierte Form ist.

Mareike Fallwickl sitzt an einem Lesungstisch und liest aus ihrem Roman Thematisch knüpfte der Abend an den Nachmittag an: Im Lokal Horns Erben (übrigens ein wirklich schnuckeliges Barlokal, wie mir aufgefallen ist) ging es mit der weiblichen Wut und der Lesung zu Mareike Fallwickls neustem Werk „Die Wut, die bleibt“ weiter: Es geht um eine Mutter, die beim Abendbrot aufsteht und vom Balkon in den Tod springt. Und um die kinderlose, beste Freundin, die plötzlich in die Rolle der Mutter schlüpft. Und um eine Tochter, die voller Wut ist und nicht weiß, wohin damit.

Zugegeben ich war ein wenig skeptisch, weil diese Prämisse doch sehr reißerisch und übertrieben klang. Dabei weiß ich natürlich um die Überbelastung von Frauen (nicht nur während der Pandemie – auch wenn die Pandemie in dieser Hinsicht als Brennglas dient): Homeoffice, Homeschooling, Haushalt, Kindererziehung, Beziehungsarbeit und dann auch noch Self-Care – und das alles soll mit strahlendem Lächeln und leuchtenden Augen geleistet werden; so will es das Patriarchat. Aber Mareike Fallwickl hat sich gesagt: Nicht mit mir! Und da bin ich ganz bei ihr. Im Verlauf ihrer One-Woman-Show konnte sie mich davon überzeugen, das Buch nicht nur zu kaufen, sondern auch zu lesen (denn wir wissen doch alle, dass das Kaufen und das Lesen von Büchern zwei vollkommen unterschiedliche Hobbies sind).

Erst vor kurzem, anlässlich des Feministischen Kampftages (oder auch Weltfrauentages), habe ich online einen Artikel gelesen, in dem die Ergebnisse einer Studie vorgestellt werden, die zeigen, dass die Pandemie zu einer Retraditionalisierung der Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen geführt hat (zum Artikel: „Auf dem Rücken der Frauen“ von Jutta Allmendinger). Daher kommt das Buch von Mareike Fallwickl wie gerufen.

20. März 2022: Letzter Buchmessetag

Am Sonntag ging es von 10 Uhr bis 12 Uhr nochmal zurück zur Buchmesse Pop-Up: Die letzten Runden drehen und die letzten literarischen Schätze entdecken (und ergattern). Außerdem hatte ich das Glück, ein bekanntes Bookstagram-Gesicht zu treffen und auf einen kurzen Schnack abseits von Stories und Reels kennenzulernen. Solche spontanen Begegnungen erfreuen mich immer ganz besonders und machen Buchmesse-Besuche zu etwas Besonderem.

Auf einem Bücherregal, zwischen Zimmerpflanzen, steht ein Bücherstapel mit insgesamt 11 Bücherrücken (von oben nach unten): Wenn ich euch verraten könnte von Lea Draeger/ Aufruhr der Meerestiere von Marie Gamillscheg/ Ein simpler Eingriff von Yael Inokai/ Die Diplomatin von Lucy Fricke/ Automaton von Berit Glanz/ Sexuelle Revolution von Laurie Penny/ Die Eistaucher von Kaśka Bryla/ Draußen feiern die Leute von Sven Pfizenmaier/ Das Loch von Simone Hirth/ Ellis von Selene Mariani/ Die Wut, die bleibt von Mareike Fallwickl.

Am Ende dieser Woche bin ich mit einem hohen Bücherstapel  nach Hause gegangen – nach und nach werde ich die Bücher hier auf meinem Blog vorstellen und besprechen. Außerdem bin ich um viele Eindrücke, Begegnungen und Gespräche reicher geworden. Mit jeder Menge literarischer Vorfreude sehne ich mich nach den vielen vielen bevorstehenden Lesestunden. Auf meine Wunschliste sind natürlich noch viel mehr Bücher gewandert, und zwar ua:

  • Frauen und Kinder zuletzt – Sabine Rennefaz (Christoph Links Verlag)
  • Nachtbeeren – Elina Penner (Aufbau Verlag)
  • Mädchen brennen heller – Shobha Rao (Elster Verlag)
  • Milch Blut Hitze – Dantiel W. Moniz (C.H. Beck)
  • Hippocampus – Gertraud Klemm (Kremayr & Scheriau)
  • Land ohne Verben – Claudia Bierschenk (Edition Überland)
  • Die große Wörterfarbik – Agnes de Lestrade (Mixtvision)
  • Creep – Philipp Winkler (Aufbau Verlag)
  • Mai bedeutet Wasser – Kayo Mpoyi (CulturBooks Verlag)
  • Die Stadt auf dem Wasser – Salome Benidze (AvivA)
  • Der Erinnerungsfälscher – Abbas Khider (Hanser)
  • Tick Tack – Julia Lucadou (Hanser)
  • Die Gezeiten gehören uns – Vendela Vida (Hanser)
  • Die Tochter – Kim Hye-Jin (Hanser)

Die Buchmesse Pop-Up war wirklich ein einzigartiges Erlebnis und ich bin froh und dankbar, dass die Veranstalter*innen dieses Ereignis, Corona zum Trotz, auf die Beine gestellt haben. Und wie immer gilt: Nach der Messe ist vor der Messe – Ich freu mich drauf!

Fotos: privat

Weitere Buchmesse-Eindrücke

Falls ihr neugierig und hungrig nach weiteren Buchmesse-Eindrücken seid, dann empfehle ich euch, bei Jule und ihrem Blog Bionoema vorbeizuschauen: Unterwegs zwischen Büchern und Gesprächen. Dort habe ich direkt noch zwei, drei weitere interessante Titel gefunden und mir notiert.

Falls ihr euch auch auf der Buchmesse Pop-Up oder bei einem anderen buchigen Event rumgetrieben habt, erzählt mir doch davon in den Kommentaren. Ich freue mich auf eure Eindrücke!

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