[Rezension] Die Uhr, die nicht tickt

Die Uhr, die nicht tickt – Sarah Diehl

Verlag: Arche Verlag | Seiten: 272
Preis: 10€ | ISBN: 9783716040133
Erschienen: 2018

Kurzbeschreibung
Sarah Diehl beleuchtet in dieser Streitschrift die historische Entwicklung der Konzepte Mutterschaft, Familie, Mutterinstinkt; sie räumt mit Mythen rund um die Kinderlosigkeit auf; sie diskutiert die aktuellen gesellschaftlichen, medialen und politischen Standpunkte und sie zeigt Alternativen und Lösungen auf.

Meine Meinung
Bei diesem Buch handelt es sich für mich um eine sehr persönliche Lektüre. Ich habe mich schon viel mit dem Thema ‚Kinder‘ auseinandergesetzt. Ich habe dieses Buch nicht grundlos und ohne Hintergedanken gelesen. Ich wollte raus aus meinen eigenen Gedanken, mich mit den Meinungen von fremden Personen auseinandersetzen, die meiner Meinung aber doch ähnlich sind. Denn mit dem Thema und vor allem dem Standpunkt ‚Ich möchte KEINE Kinder bekommen‘ fühlt man sich als junge Frau in unserer Gesellschaft doch ziemlich allein gelassen. Wenn man mit Mitte 20 sagt, dass man keine Kinder möchte, hört man immer nur ‚Ach, das ändert sich noch‘, was die Diskussion immer gleich beendet. Und wenn man immer wieder diesen Satz hört, dann traut man sich irgendwann nicht mehr darüber zu sprechen oder hat schlicht und ergreifend keine Lust. Warum auch, wenn der eigene Standpunkt nicht ernst genommen wird? Die Gesellschaft erzählt einem von früh auf, dass Kinderkriegen die Normalität ist. Wenn man also keine Kinder möchte, ist man dann anders, nicht normal? Sarah Diehl stellt in ihrem Buch genau dieses Konzept der Normalität in Frage. Und mit dem, was sie schreibt, trifft sie den Nagel auf den Kopf – und das gleich mehrfach. Ich habe beim Lesen noch nie so viele Post-its verwendet: Auf fast jeder Seite steht etwas, mit dem ich mich identifizieren kann, was mich nachdenklich stimmt und Dinge, über die es sich lohnt nachzudenken und vor allem zu reden. Ich habe dort Aussagen gefunden, die mich wütend oder traurig gemacht haben oder wegen derer ich mich entrüstet habe – einfach weil sie so wahr sind.

Sarah Diehl kritisiert, zeigt Probleme auf und gibt den Frauen eine Stimme, denen die Gesellschaft nur ungern zuhört. Die Stimme der Autorin ist stark, sie weiß zu argumentieren und holt das Thema Kinderlosigkeit aus seiner Tabuzone heraus. Natürlich geht sie nicht unvoreingenommen an dieses Thema heran, wie auch? Und das ist auch gar nicht Sinn und Zweck dieses Buches. Sie stellt Fakten und Studien neben persönliche Erfahrungen. Sarah Diehl fordert. Sie fordert starke Vorbilder, also Frauen, die anderen Frauen vorleben, was es heißt kinderlos glücklich zu sein. Sie plädiert auch dafür, offener mit dem Thema umzugehen, sie ruft zu einem Miteinenader anstelle eines Gegeneinanders auf.

Was mich ganz besonders getroffen hat, ist die Diskrepanz zwischen kinderlosen Männern und kinderlosen Frauen und deren Akzeptanz und Stellung in der Gesellschaft. Von Gleichberechtigung oder gar Gleichstellung fehlt da jeder Spur!

Zur Mitte hin wird die Diskussion leider etwas redundant und die Autorin wierderholt sich in einigen Punkten. Aber das legt sich relativ schnell wieder. Ich hätte es gerne gesehen, wenn die Interviews, die sie mit den kinderlosen Frauen (und Männern) geführt hat, vollständig abgedruckt worden wären. Die Auszüge waren mir teilweise etwas zu kurz. So hätte man sich selbst ein vollständiges Bild machen können. Auch hätte ich gerne mehr über den einseitigen Kinderwunsch in einer stabilen Partnerschaft gelesen. Auch das Thema kam mir leider etwas zu kurz.

Insgesamt hat mir das Buch das Gefühl gegeben, verstanden und gehört zu werden. Ich habe mich in meinen Ansichten bestätigt gefühlt und ich habe mich nochmal vertieft mit meinen Ansicht auseinandergesetzt. Ich habe lange mit dem Buch gehadert bzw. habe ich lange überlegt, ob ich es überhaupt (in der Öffentlichkeit) lesen und rezensieren soll. Ich machte mir Sorgen, was andere Leute von meiner Einstellung halten könnten, scheute mich vor dem Rechtfertigungsdruck. Aber nach der Lektüre weiß ich, dass der einzige Mensch, der sich wegen einer tickenden Uhr Sorgen machen sollte, Captain Hook ist.

Mein Fazit
Die Uhr, die nicht tickt ist ein sehr informatives, erhellendes und augenöffnendes Buch, dessen Lektüren ich für sehr wichtig erachte. Ich kann das Buch vorbehaltlos empfehlen. Es ist ein Buch, nicht nur für Frauen, die sich für die Kinderlosigkeit entscheiden, sondern auch für (werdende) Eltern, für alle, die sich mit dem Thema Mutterschaft beschäftigen möchten und die mal einen anderen Blickwinkel auf das Thema Kinderkriegen erforschen und vielleicht auch in Frage stellen wollen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.