[Rezension] Der Idiot des 21. Jahrhunderts

Titel: Der Idiot des 21. Jahrhunderts
Autor: Michael Kleeberg
Verlag: Galiani-Berlin
Seiten: 464
Preis: 24€
ISBN: 978-3-86971-139-3
Erschienen: 2018

© Coverabbildung: Galiani-Berlin

 

Kurzbeschreibung
Angelehnt an Goethes West-Östlichen Divan und Nezimas Leila und Madschnun, erzählt dieses Buch in zwölf Büchern von Kultur, Identität, Konflikt, Liebe, Philosophie, Religion, Flucht und Ankommen.

Meine Meinung
Dieses Buch ist ein Monument: zwar weniger vom Umfang her, dafür aber umso mehr hinsichtlich des Inhalts. Die Lektüre war herausfordernd und an vielen Stellen nicht einfach. Um es einfach auszudrücken: Während der Lektüre kam ich mir sehr oft wie ein richtiger Idiot vor. Inhaltlich ist das Buch ein Schmelztiegel. Es vereint (zu) viele Erzählperspektiven, Figuren, Schreibstile, Genre und Themen, dass man da schonmal den Ein- und Überblick verlieren kann. Es geht um Politik, um Wirtschaft, um Macht, um Philosophie, Religion und Mystik, um Identität(sverlust und -findung), um Kultur, um Flucht, Auswanderung, Ankommen und Fremdheit, um Freundschaft und Liebe. Das Buch setzt einen sehr großen Wissenschatz voraus, mit dem ich nicht dienen konnte.

Der Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig: teilweise sehr verschwurbelt, umständlich, undurchsichtig und hochtrabend. Er weist viele Schachtel- und Bandwurmsätze auf, viele sehr abstrakte sprachliche Bilder und Vergleiche. Zu dem Schreibstil passt das folgende Zitat (S. 144):

dass bei zu viel Rhetorik und Geschwätz die Alarmglocken aufleuchten und dass man solche allzu beredten Menschen nicht ganz ernstnehmen kann.

Diese Aussage passt zum Schreibstil leider wie die Faust aufs Auge.

Strukturell lehnt sich das Buch an Goethes West-Östlichen Divan an. Das Buch teilt sich in 12 Büchern auf, in denen verschiedene Geschichten und Erzählungen ihren Platz finden. Ein Divan meint in diesem Sinne nicht das Sitzmöbel, sondern eine orientalische Gedichtsammlung. Das Buch lässt sich auch in der Bedeutung Divan als Staatsrat lesen, weil der Ausgangspunkt ein Treffen von alten Freunden ist, die über die großen und kleinen Dinge des Lebens beraten, woraus sich letztendlich die 12 Bücher zusammensetzen. Weiterhin verwebt der Autor auch eine orientalische Liebesgeschichte arabischen Ursprungs in die 12 Bücher. Es handelt sich dabei um die Liebesgeschichte von Leila und Madschnun. Die Art und Weise, wie Kleeberg diese Liebesgeschichte ein- und umarbeitet, hat mir unglaublich gut gefallen.

Wie bereits erwähnt, setzt sich das Buch aus 12 Büchern bzw. Kapitel zusammen, die teilweise in Unterkapitel/Untergeschichten unterweilt sind. Einige haben mir mehr, andere weniger gefallen. Das Buch des Sängers stellt den Freundeskreis (den Staatsrat) vor und fungiert gleichzeitig als eine Art Leseanleitung. Schon auf der ersten Seite bekam ich schon meine Zweifel, ob das Buch tatsächlich etwas für mich taugt. Der Grund, weshalb ich mich so auf diesen Divan gefreut habe, war das Buch des Lachens und die darin enthaltene Geschichte des arabischen Mantels. Diese hat der Autor auf dem Erlanger Poetenfest 2018 vorgelesen. Ausgehend von dieser Geschichte habe ich also meine Erwartungen aufgebaut. Schade, dass es dann doch ganz anders gekommen ist. Die Bücher des Schenken, der drei Lieben, des Augenblicks, das Buch Daddschal, Leilah, des westlichen Exils und des Lachens haben mir gut gefallen und enthalten viele Wahrheiten, die einen zum Nachdenken anregen. Nichtsdestotrotz enthalten die Bücher auch (seltsame) mystische Erzählungen, mit denen ich absolut nichts anfangen konnte. Generell würde ich sagen, dass mir die Geschichten, die sich um weltliche, realistische Angelegenheiten drehen besser gefallen haben, mein Interesse geweckt haben und mich nachenklich gestimmt haben. Diese Geschichten sind einfach greifbarer, weil sie eben so nah am Leben sind und unter die Haut gehen.

Der Idiot des 21. Jahrhunderts möchte den Leser nicht unterhalten, sondern zum Nachdenken anregen, einen Diskurs anstoßen, Fragen stellen, Antworten geben und Gesellschaftskritik betreiben. Es ist zum einen ein höchst erstaunliches, aber zum anderen auch ein sehr sehr spezielles Buch, welches mit Vorsicht zu genießen ist.

Mein Fazit
Der Idiot des 21. Jahrhunderts ist genauso facettenreich wie überladen, sowohl stimulierend als auch langweilig und nicht nur einfach sondern auch intellektuell. Es ist kein Buch für Zwischendurch und nicht jeder wird sich daran erfreuen. Mich hat es zwar nicht nur frustiert und enttäuscht, aber komplett überzeugen konnte mich das Buch trotzdem nicht. Manchmal ist weniger einfach mehr.

Lieblingszitate
„Etwas lächerlich zu finden und lächerlich zu machen, ist zunächst einmal nichts als der Beweis, draußen zu stehen und sich damit nicht wohlzufühlen.“ (S. 17)

„Kinder- und Jugendheimaten, Ausbrüche, Fluchten, Wanderschaften, Entdeckungen und Eroberungen. Zweitheimaten, Drittheimaten, schmerzliche Heimaten, Fremde und Exil. Aus irgendeiner Heimat sind wir alle hierher gekommen, und Heimat ist’s immer, wonach wir suchen.“ (S. 25)

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.