Das Foto zeigt das Buch "Conomica" umgeben von Spielgeld und Spielmünzen, einem Taschenrechner. Das Buch liegt auf kariertem Papier

[Rezension] Economica

Economica – Victoria Bateman

Das Foto zeigt das Buch

Verlag: Headline Press | Seiten: 352
Erscheinungsjahr: 2025

Kurzbeschreibung

Die Erzählung der Weltwirtschaftsgeschichte ist traditionell von den Leistungen und Erfolgen der Männer geprägt. Doch was ist mit den Unternehmerinnen, den weiblichen Industriellen und Gewerbetreibenden, deren Namen, Einfluss und Erfolg aus den Seiten der Geschichtsschreibung gestrichen wurden? Die Historikerin und Ökonomin Victoria Bateman setzt mit „Economica“ genau dort an: Sie stellt Frauen ins Zentrum der Weltwirtschaftsgeschichte bzw. stellt sie an die Seite der Männer, um ein vollständiges und akkurates Bild der Vergangenheit und Gegenwart zu erhalten.


Meine Meinung

Victoria Batemans Vorhaben ist genauso simpel und einleuchtend wie es ehrgeizig und wuchtig ist: Eine Art Revision, eine Neuschreibung der Weltwirtschaftsgeschichte, die die Rolle der Frauen näher beleuchtet, in den Fokus rückt und so das vorhandene Wissen ergänzt. Dabei geht es der Autorin nicht darum, die Errungenschaften der Männer zu minimieren, sondern diese zu ergänzen und zu erweitern, vor allem dort, wo die Erfolge oder sogar nur die bloße Anwesenheit von Frauen aus der Geschichte herausgestrichen wurden. Endlich! Das war schon längst überfällig.

Mit Batemans Ausführungen begeben wir uns auf eine Reise durch Raum und Zeit: Wir begegnen Jägerinnen der Steinzeit, Gastwirtinnen der Bronzezeit, Spinnerinnen im goldenen Zeitalter Chinas oder Piratinnen zur Zeit der Kolonialisierung. Diese aufregende und keinesweg trockene Reise durch die Weltwirtschaft war einfach überwältigend. „Informativ“ ist eigentlich gar kein Ausdruck für das, was einen zwischen den beiden Buchdeckeln erwartet.

„Economica“ ist ein wuchtiges und ehrgeiziges Projekt, weil eine globale Wirtschaftsgeschichte, die für ein breites Laien-Lesepublikum gedacht ist, Grenzen haben muss. Aber wo sollen oder können diese Grenzen verlaufen? Bei der Lektüre wird sehr schnell deutlich, dass es unmöglich ist, die Zivilisationen der Erde zu jedem Zeitpunkt ihrer Geschichte abzubilden, weshalb die Autorin sich auf die wichtigsten Zentren einer Zeitperiode beschränkt. Und dabei merkt man: Ab dem 16./17. Jahrhundert verschiebt sich und bleibt der Fokus in Großbritannien bzw. im Nordwesten Europas.

Die anglophone Perspektive überwiegt. Ob dieser Umstand damit zusammenhängt, dass die Autorin eine britische Wirtschaftswissenschaftlerin ist, sei mal so dahingestellt. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass es im 16./17. Jahrhundert außerhalb Großbritanniens keine wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen gab, die von Frauen angestoßen oder angeführt wurden. Aber wie gesagt, es ist unmöglich ALLES zu erzählen. Daher frage ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre, aus diesem Projekt eine Reihe zu machen, um so mehr Facetten abbilden zu können. Auch bleibt der Fokus der Autorin bei der Hauptdiskriminerungsform des Patriarchats stehen. Intersektionales fand ich kaum.

Unvermeidbar war es auch, nicht von der Informationsfülle erschlagen zu werden. Ich habe irgendwann wirklich den Überblick darüber verloren, wer wann was geleistet hat: Namen, Orte und Zeitpunkte verschwammen einfach ineinander und mein Wissensdurst war übersättigt. Ich kann mir nicht alles merken, aber jetzt kenne ich wenigstens eine sehr verlässliche Quelle, in der ich bei Bedarf nachschlagen kann. Dieses Ineinanderfließen der Informationen hatte auch einen anderen Grund, und zwar wiederkehrende Muster in der Entwicklung von Zivilisationen und Wirtschaftssystemen: Die Geschichte wiederholt sich.

Denn der Autorin gelingt es, Muster herauszuarbeiten, die seit Menschengedenken die wirtschaftliche Unterdrückung der Frauen formen: Sobald Frauen zu stark in die Öffentlichkeit drängen, wirtschaftlich zu erfolgreich für den Geschmack des Patriarchats/der Männer werden, werden sie zurück in die häusliche Sphäre gedrängt – koste es was es wolle, und wenn es den Zusammenbruch einer Wirtschaft/Zivilisation zur Folge hat.

Bateman spricht von einem Backlash und von einem „sexist turn“ – und da stellt sich mir die Frage, ob unsere Gesellschaft erneut an einem solchen Wendepunkt angekommen ist. Denn: Frauenfeindlichkeit ist auf dem Vormarsch, die Gleichberechtigung erfährt Rückschritte, Tech-Mogule fordern mehr „männliche Energie“ in der Wirtschaft, weil sie von Frauen und Diversitätsbestrebungen „verweichlicht“ wurde. Und auch das Wiedererstarken rechtsextremer Kräfte ist besorgniserregend. Und nach der Lektüre dieses Sachbuches frage ich mich mehr denn je: Werden wir jemals aus der Geschichte lernen?


Mein Fazit

„Economica“ von Victoria Bateman ist ein höchstinformatives und lehrreiches Sachbuch, das einen fast schon übersättigt. Die Autorin verfolgt ein ehrgeiziges und einleuchtendes Ziel: Die Sichtbarkeit von Frauen in der wirtschaftlichen Sphäre zu erhöhen. Es wurde aber auch Zeit! Empfehlenswerte Lektüre!


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