Male-dette. Manuale di imprecazione etica – Stefania Doglioli & Elena Miglietti (Hrsg.)
Verlag: Capovolte | Seiten: 216 Erscheinungsjahr: 2025 |
Kurzbeschreibung
Fluchen ist gesund und kann sogar therapeutische Effekte haben. Der Wut freien Laufen zu lassen, kann befreiend wirken, wenn es da nicht, vor allem im Italienischen, einen kleinen Haken gäbe: Gibt es eine Möglichkeit zu fluchen, ohne sexistisch oder frauenfeindlich zu werden? Und warum werden Flüche, Beleidigungen und Schmähungen so oft gegen das Weibliche, die Mutter, ja, gar gegen die Madonna gerichtet? Das Buch eröffnet Einblicke in das historische und gegenwartssprachliche, hochsprachliche und dialektale Italienisch; führt durch die Welt der Musik, des Kinos, des Journalismus und zeigt Wege auf, ethisch, subversiv und transgressiv zu fluchen, ohne unbeteiligte Gruppen und Minderheiten in die Schusslinie zu bringen.
Meine Meinung
„Jetzt wollen sie uns auch noch das Fluchen verbieten“, tönt es von den Stammtischen der Gesellschaft. Verbotskultur, Cancel Culture, mimimi. Darum geht es gar nicht. Denn dieses Buch versteht sich als Anleitung, als Angebot, gemeinsam neue sprachliche Wege zu beschreiten. Keine der beteiligte Autorinnen ist darauf aus, Flüche wie „puttana“ (dt. „Hure“) zu verbieten. Das Buch soll ein Denkanstoß sein, einfach mal darüber nachzudenken, wie und warum man flucht.
Ein kleiner Hinweis für meine deutschen Leser*innen: Diese Essaysammlung bezieht sich ganz konkret auf den italienischen Kulturkreis. Die Aussagen sind also gar nicht 1:1 aufs Deutsche übertragbar. Denn: Deutsche und Italiener fluchen unterschiedlich. In Deutschland stammen unsere Fluchwörter hauptsächlich aus dem fäkal-analen Bereich („Scheiße“ oder „Arschloch“). In Italien richten sich Flüche und Schimpfwörter viel häufiger gegen das Göttliche oder das Weibliche, im Falle der Madonna trifft man direkt zwei Fliegen mit einer Klappe. Aber, und natürlich kommt da ein Aber, in Deutschland könnten wir uns auch Gedanken über die Benutzung der Schimpfwörter „Idiot“ oder „Penner“ machen.
In Italien ist es vor allem die Prostituierte, die für jede Unannehmlichkeit herhalten muss. Zeh gestoßen? Porca puttana! Jemand hat dir im Straßenverkehr die Vorfahrt genommen? Porca puttana! Du hast als Frau einen zu kurzen Rock getragen? Dann bist du eine puttana. „puttana“ ist zu einer Blaupause für alles Nervende, Schmerzende, Überraschende, Störende geworden, den man ohne groß nachzudenken einfach raushaut: „Porca puttana“ ist das Fastfood der Schimpfwörter geworden, schreiben die Autorinnen (S. 49). Daher ist die Frage, die dieses Büchlein stellt, durchaus gerechtfertigt: Warum greift man auf einen frauenfeindlichen Fluch zurück, wenn man sich den Zeh gestoßen hat? Was kann denn eine Prostituierte für die eigene Ungeschicklichkeit? Sollte sich der Fluch nicht eigentlich gegen das elende Tischbein richten?
Mit ihrer Essaysammlung wollen die Autorinnen genau dazu animieren: Sie wollen, dass wir das Fluchen und Schimpfen wieder zu einem intellektuellen Vergnügen machen, indem wir kreativ und zielgerichtet fluchen. Damit wir an unseren Gedanken feilen und nicht einfach auf einen diskriminierenden Automatismus zurückfallen.
Die Essays enthalten viele wissenswerte Kleinig- und Großigkeiten, unterhaltsame und kuriose Tatsachen zu italienischen und dialektalen Schimpfwörtern, Flüchen, Lästerungen der Vergangenheit und Gegenwart und zum Fluchen an sich. Man lernt z. B., dass es über alle italienischen Dialekte hinweg 645 Arten gibt, um eine Prostituierte zu benennen. Oder dass in Filmen und Serien die englischen Flüche „damn“ oder „fucking hell“ ins Italienische mit „porca puttana“ übersetzt werden. Interessante übersetzerische Leistung…
Im Vordergrund der Überlegungen stehen sexistische Beleidigungen. Den Diskriminierungsformen Rassismus, Klassismus und Ableismus werden zwar Rechnung getragen, spielen aber insgesamt keine Rolle. Aber natürlich soll das ethische Fluchen auch dafür einen Ausweg bieten.
Es geht den Autor*innen darum, das Fluchen im Namen der Gleichberechtigung zugänglicher zu gestalten. Dabei soll es nicht einfach nur darum gehen, dass Frauen, die sowieso schon immer geflucht haben (ob die Gesellschaft und die Etikette es wahr haben will oder nicht), sich in ihrem Fluchverhlaten nicht einfach nur an die Männer anpassen und versuchen, die Bitch, die Schlampe und die Puttana als Selbstbezeichnung für sich selbst zu beanspruchen und sie in etwas Positives umzukehren.
Wer Macht über das Sprechen und die Sprache hat, bestimmt wer leidet und wer geschützt wird. Klar, gibt es auch den „Hurensohn“ („figlio di puttana“), aber der spielt sprachlich eine ganz andere Rolle. Er ist meist Ausdruck von Respekt.
So scharfzüngig die Essays auch sind, werden bestimmte Feststellungen und Vorschläge zu oft wiederholt. Dadurch werden die Texte zwar nicht monoton, aber wenn ich zum x-ten Mal in 3 verschiedenen Essays lese, dass das Schimpfwort „puttana“ eine Kontrollfunktion erfüllt, um den Körper und die Verhaltensweisen von Frauen zu reglementieren, dann verlieren die Texte etwas ihrer Schlagskraft.
Highlights waren für mich die Essays zum dialektalen Schimpfen, zu den kulturellen Unterschieden des Fluchens, zum Fluchverhalten am Hof von Versailles und zu den problematischen Übersetzungen in der Filmbranche. Mit dem Essay zu Freud konnte ich nicht viel anfangen, da er mMn für Nicht-Philosophen wenig zugänglich verfasst wurde.
Letztendlich handelt es sich bei dem Buch um eine Anleitung. Es gibt konkrete, nachvollziehbare und umsetzbare Vorschläge dazu, wie man die eigenen ethischen Schimpfwörter und Beleidigungen kreieren kann. Ein passendes Stimmtraining, um die maximale Wirkung zu erzielen, gibt es sogar noch obendrauf. Ich hatte großen Spaß daran, mir ethische Flüche und Beleidigungen auszudenken.
Das Buch hat mich dazu angeregt, über mein eigenes Fluchverhalten nachzudenken. Ich fluche hauptsächlich auf Italienisch, nutze aber, überraschenderweise eher den deutschen fäkal-analen Wortschatz, also „merda“, „vaffanculo“ und „stronzo“. Aber auch die Prostituierte und die Madonna geraten bei mir manchmal in die Schusslinie. Ich gelobe Besserung.
Mein Fazit
Diese kleine Anleitung zum ethischen Fluchen möchte weder moralisieren oder etwas verbieten, sondern nur zum Nachdenken anregen und dazu einladen, neue sprachliche Wege zu gehen. Es gibt keinen Grund, Minderheiten durch den Dreck zu ziehen, nur weil es einfacher ist auf einen Automatismus zurückzugreifen, anstatt sich eine kreative Fluchmöglichkeit auszudenken. Deutsche und Italiener fluchen unterschiedlich, aber dennoch lassen sich die Grundsätze und Prinzipien, die in den Essays diskutiert werden, auch aufs Deutsche übertragen. Absolute Leseempfehlung!



