Einsamkeit – Prof. Dr. Maike Luhmann
Verlag: S. Fischer Verlage | Seiten: 336 Erscheinungsjahr: 2026 |
Kurzbeschreibung
Einsamkeit ist dieses Gefühl, das jeder von uns kennt. Aber so gut wie niemand redet darüber. Aber was ist Einsamkeit wirklich? Wie entsteht sie? Wen betrifft sie? Und was kann man selbst und als Gesellschaft gegen Einsamkeit tun? Und welche Mythen ranken sich um dieses miese, stechende Gefühl? Genau diesen Fragen widmet sich die führende Einsamkeitsforscherin Prof. Dr. Maike Luhmann.
Meine Meinung
„Einsamkeit. Warum sie uns alle betrifft“ von Maike Luhmann war eine sehr persönliche Lektüre. Ich habe das Buch zur Hand genommen, weil ich mich durch meinen Umzug von Leipzig nach Remscheid und dem hiesigen Neuanfang immer mal wieder einsam gefühlt habe.
Obwohl die Autorin ausdrücklich schreibt, dass es sich bei dem Buch nicht um ein Selbsthilfebuch handelt, habe ich es dennoch als solches gelesen. Denn ich wollte dieses fiese Gefühl, wie und warum es entsteht, verstehen.
Einsamkeit ist immer noch schambehaftet. Manche Betroffene geben deshalb nicht gerne zu, dass sie einsam sind, auch nicht in einer anonymen Umfrage. (S. 41)
Maike Luhmann ist eine Expertinn auf dem Gebiet der Einsamkeitsforschung. Daran hatte man während und nach der Lektüre dieses Sachbuches absolut keinen Zweifel mehr. Ihr objektiver wissenschaftlicher Blick ermöglicht eine nüchterne Perspektive auf das emotional aufgeladene Thema.
Die Autorin packt ihre Leser*innen zwar nicht in Watte, aber ihre einfühlsame und offene Herangehensweise mildert den Schlag etwas ab, wenn man sich Gedanken um das eigene Einsamkeitsrisiko macht.
Mit Weitsicht räumt die Autorin mehrfach ein, dass es in der Einsamkeitsforschung noch viel zu erforschen gibt, dass viele Zusammenhänge noch nicht abschließend geklärt sind: Kann die Nutzung der Sozialen Medien einsam machen oder ist die exzessive Nutzung von Instagram und Co. nur eine Folge von Einsamkeit? Macht Einsamkeit krank oder ist die Einsamkeit eine Folge der Krankheit? Zur angeblichen Male-Loneliness-Epidemic äußert sich die Autorin differenziert, aber bestimmt:
Für die These der „Einsamkeitsepidemie unter Männern“ gibt es keine wissenschaftlich überzeugenden Belege. (S. 52)
Luhmann klärt auf eine zugängliche, alltagstaugliche, verständliche und informative Weise über den komplexen und zuweilen trockenen Forschungsbereich auf. Das Sachbuch folgt dabei einem roten Faden und die Kapitel bauen logisch aufeinander auf: Was ist Einsamkeit, wie entsteht sie, wie misst man sie, was bedingt sie, wen trifft sie, was kann man dagegen tun und was erwartet uns in der Zukunft? Dabei gehen die Ausführungen über die private und individuelle Ebene hinaus. Denn auch im Falle der Einsamkeit heißt es, das Private ist politisch.
Es war spannend zu lernen, welche strukturellen und gesellschaftlichen Faktoren (wie Armut, Mobilität, Migration) Einsamkeit bedingen können. Vor allem die Ausführungen dazu, welche Rolle Einsamkeit bei Radikalisierungsprozessen spielt und welche Konsequenzen die individuelle Einsamkeit auf die gesamte Gesellschaft haben kann, waren sehr erhellend. Ich habe viel über die verschiedenen Formen der Einsamkeit gelernt, über die allgemeinen Risikofaktoren der Einsamkeit und konnte meine eigenen Erfahrungen in Perspektive setzen.
Zwei Dinge, die den Lesefluss während der Lektüre gestört haben, waren zum einen die Nerdboxen und zum anderen die, ich nenne sie mal, Faktenboxen. In den Nerdboxen werden bestimmte Inhalte aus dem Haupttext aufgenommen und weiter vertieft. Laut Einleitung hätte man sie auch überspringen können. Die Inhalte der Nerdboxen kamen mir gar nicht so nerdig vor. Es hätte keinen großen Unterschied gemacht, die Inhalte in den Flietext zu integrieren. Ich finde, dass das gesamte Buch eine einzige Nerdbox ist. Gibt es also wirklich jemanden da draußen, der sie überspringt?
Die Faktenboxen sind zwar angenehm fürs Auge, weil sie die Textstruktur auflockern, aber wenn sich der Fakt aus der Box im Absatz darunter direkt wiederholt, weiß ich nicht, welcher Mehrwert sie haben sollen.
Der ausführliche und umfangreiche wissenschaftliche Apparat (Quellen und Anmerkungen) am Ende des Buches ist ein Wink mit dem Zaunpfahl und spricht für die Wissenschaftlerin bzw. Autorin.
Mein Fazit
War es eine aufmunternde oder entmutigende Lektüre? Schwer zu sagen. Es war auf jeden Fall ernüchternd, sachlich und ehrlich. Ich habe das Buch gern gelesen, fand es spannend, tiefe Einblicke in etwas so Alltägliches zu erhalten. Einsamkeit fühle ich jetzt nicht nur, sondern ich verstehe sie auch: ihren Ursprung, ihre Konsequenzen und ihre zukünftigen Entwicklungen. Und mit dieser Rezension möchte ich dem Aufruf der Autorin folgen, etwas gegen Einsamkeit, gegen das Stigma und die Scham zu tun. Lasst uns laut sein, lasst uns nicht damit allein sein. Absolut empfehlenswerte Lektüre.
Und falls jemand keine Lust hat, das Buch zu lesen, dem kann ich die arte-Doku „Ist Einsamkeit ansteckend?“ wärmstens empfehlen. Prof. Dr. Maike Luhmann klärt darin auf und nimmt einige Inhalte aus ihrem Buch auf.
Du brauchst Hilfe? Du bist nicht allein!
Beratungsangebote
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- Rezension von flying thoughts



