Das Buch steht im Wald an einen umgekippten, rosafarbenen Gartenstuhl gelehnt

[Rezension] Das Gras auf unserer Seite

Das Gras auf unserer Seite – Stefanie de Velasco

Das Buch steht im Wald an einen umgekippten, rosafarbenen Gartenstuhl gelehnt

Verlag: KiWi Verlag | Seiten: 256
Erscheinungsjahr: 2025

Kurzbeschreibung

Cassie, Grit und Charlie sind Mitte 40 und eigentlich waren sie zufrieden mit ihren Leben: ohne Kinderwunsch und ohne feste, monogame Partnerschaften. Doch jede von ihnen steht plötzlich an einem überraschenden Wendepunkt, der ihr Leben von Grund auf umkrempeln könnte. Charlie ist eine erfolgreiche Schauspielerin und wird schwanger, Grit muss entscheiden, ob sie mit ihrem Freund zusammenziehen möchte, und Cassie erhält die Möglichkeit auf einen Beziehungsneuanfang mit ihrer Jugendliebe. Die Gesellschaft hat auf all die zu treffenden Entscheidungen eine klare Antwort. Doch wie wird die Antwort der Freundinnen lauten?


Meine Meinung

Dieser Roman hat genauso viel Spaß gemacht, wie ein Treffen mit meiner besten Freundin. Die Lektüre war ehrlich, leicht, wertschätzend, kritisch und aufbauend. Cassie, Grit und Charlie kennenzulernen und sie durch ihre recht chaotischen Leben zu begleiten, war erfrischend. Und auch ihre Freundschaft und ihr schwesterliches Miteinander zu erleben, war einfach nur herzerwärmend.

Ohne kitschig klingen zu wollen, war „Das Gras auf unserer Seite“ ein Wohlfühl-Roman und das, obwohl er mich auch an die Grenzen meiner Komfortzone gebracht hat.

Eigentlich sagt man doch: „Auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner“… Aber ist das wirklich so? Genau das fragt Stefanie de Velasco, indem sie die drei Frauen vor Entscheidungen stellt, die ihre Leben zum kompletten Gegenteil verwandeln könnten. Dabei stehen Lebensentwürfe im Vordergrund, die so eigentlich nicht von unserer Gesellschaft vorgesehen sind: Kinderlosigkeit, Beziehungsfreiheit, emotionale und körperliche Selbstbestimmung, Fokus auf die eigenen Träume und Wünsche sowie das Überbordwerfen von festen Rollen, von Identität und Gender.

Die Handlung konzentriert sich nicht nur auf die positiven Seiten des Lebens, sondern spricht auch schwierige Themen an. Verlust, Tod, Altern, Krankheit, Schwangerschaft und Abtreibung, das Auseinanderleben innerhalb der Familie, Erwartungsdruck und Versagensängste.

Die Figuren, der Schreibstil und die Struktur des Romans haben für kurzweilige und unterhaltsame Lesestunden gesorgt. Der Roman hat mir die Zeit ein bisschen leichter gemacht. Ich bin nur so durch die Seiten geflogen. Erinnert hat mich der Roman ein wenig an die „Wohnverwandschaften“ von Isabel Bogdan (siehe meine Rezension dazu). Was mir in dem Roman fehlte, habe ich hier gefunden.

Die Protagonistinnen sind weit davon entfernt, perfekt zu sein. Sie alle haben ihre Päckchen zu tragen und sind auch mit wenig schmeichelhaften Charaktereigenschaften gesegnet. Von aufbrausend über kühl bis verantwortungslos ist alles dabei. Charlie schläft mit verheirateten Familienvätern. Grit ist immerzu wütend, weil sie sich unverstanden fühlt, und Cassie, deren Beziehung zu ihrer Mutter und zu sich selbst, ist von vielen Ambivalenzen geprägt. Und doch waren sie mir sympathisch. Sie nehmen einander gegenüber kein Blatt vor den Mund und unterstützen einander im selben Atemzug.

Der Erzählstil ist bissig, pointiert, spitz und selbstironisch. Mit jeder Menge Humor, über den man gleichzeitig lachen und sich entrüsten kann. Der Stil ist auf das Wesentliche reduziert, weil das Setting fast schon alltäglich und bekannt ist.

Die Erzählstruktur fand ich interessant und innovativ. Der Einsatz von Chats in Romanen als Stilmittel gelingt oder eben nicht; ein Zwischending gibt es mMn nicht. In diesem Roman wurden die Nachrichten des gemeinsamen Gruppenchats geschickt in die Handlung eingebunden. Die wechselnden Erzählperspektiven werden ergänzt und eingeleitet durch die Nachrichten, die im Chat landen. So ist zum Beispiel die letzte Person, die antwortet, auch die nächste Person, die erzählt. Die Chats gestalten nahtlose Übergänge, weil sie ins Geschehen eingebunden sind. Man hat fast vor Augen, wie Grit gerade ihre Antwort abschickt, vom Display hochschaut, den Blick über die Gartenkolonie schweifen lässt und die lärmenden Faunen erblickt, von denen sie eben noch im Chat berichtet hat. Diese „Sofortigkeit“ hat für einen leichten Lesefluss gesorgt.

War die Gesellschaftskritik hier und da ein bisschen zu offensichtlich, zu dick aufgetragen und zu sehr ein Wink mit dem Zaunpfahl? Vielleicht. Trotzdem habe ich mich in diesen Wortwechseln wiedergefunden. Denn wenn ich mit meiner besten Freundin die Unfairness dieser Welt beklage, dann nennen wir die Dinge beim Namen und verstecken uns nicht hinter Subtilitäten.

Das Ende hat mir zwischendurch Sorgen bereitet, aber auch nicht wirklich. Denn im Großen und Ganzen waren die Entscheidungen doch recht offen absehbar. Aber dass es der Autorin gelungen ist, einen winzig kleinen Zweifel zu säen, rechne ich ihr hoch an. Das Ende habe ich mir genauso ausgemalt, und ich bin froh und erleichtert darüber, dass es gekommen ist, wie es gekommen ist.

Aber egal, was man von dem Ende halten mag. Der Roman zeigt, dass es gut ist, so zu sein, wie man ist, oder sein möchte. Das Leben ist nicht einfach, aber mit den richtigen Menschen an der Seite wird es in jedem Fall leichter. Und manchmal ist das Gras auf der eigenen Seite eben doch grüner. Beim Vergleichen hört doch das Glück eh auf!


Mein Fazit

„Das Gras auf unserer Seite“ von Stefanie de Velasco war eine frische und beruhigende Brise in meinem durch Veränderungen durcheinander gewählten Leben. Genau das, was ich brauchte. Daher kann ich diese Lektüre allen, deren Leben im Umbruch ist oder die sich gegen einen solchen entschieden haben, nur empfehlen.


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