[Rezension] Heimkehren

Titel: Heimkehren
Autor: Yaa Gyasi
Übersetzerin: Anette Grube
Verlag: Dumon Buchverlag
Seiten: 416
Preis: HC 22€, TB 12€
ISBN: 978-3-8321-6460-7
Erschienen: 2018

© Coverabbildung: Dumon Buchverlag

Kurzbeschreibung
Die Geschichte nimmt ihren Anfang mit zwei Frauen: Effia und Esi – zwei Schwestern, die sich niemals kennenlernten. Ihre Lebenswege kreuzen sich nicht, sondern schlagen höchst unterschiedliche Wege ein. Im Ghana (Afrika) des 18. Jahrhunderts wird Esi als Sklavin in die USA verkauft, während Effia einen britischen Sklavenhändler heiratet. Aus dem Schicksal der zwei Frauen entwickelt sich eine leidvolle Geschichte, die Jahrhunderte, Generationen und Kontinente überspannt.

Meine Meinung
Zwischen den Buchdeckeln spinnt Yaa Gyasi eine außergewöhnliche Geschichte, die eine ungeheure Wirkung entfacht. Zunächst begleitet man Effia und Esi auf ihrem Lebensweg. Daraufhin die nachfolgende Generation und so geht es immer weiter. Insgesamt acht Generationen umspannt der Roman. Die letzte Station ist unsere heutige Zeit. Die Struktur des Romans ist ein lebendiggewordener Stammbaum: bewegt und vielfältig. So etwas habe ich tatsächlich noch nie gelesen.

Obwohl die Erzählstruktur einem gewissen Muster folgt, wird die Handlung nie langweilig, denn die Schicksale und die Figuren, die im Mittelpunkt stehen, sind einmalig, abwechslungsreich und wirken sehr real. Teilweise kam es mir so vor, als hätten diese Personen, die Männer und Frauen, tatsächlich gelebt. Es werden stets nur bedeutsame Ausschnitte aus dem Leben der jeweiligen Figur erzählt – mal länger, mal kürzer. Es sind Protraits, die zeigen, dass das Leben ein großes Abenteuer ist und über die Vorstellungskraft des Einzelnen hinausgeht. Aber nicht nur das: Im Vordergrund der Handlung stehen die Sklaverei, der Rassismus und die Diskriminierungen der PoC. Die Autorin macht den Schrecken dieser Unmenschlichkeiten sichtbar, fast greifbar und beleuchtet ihn aus verschiedenen Perspektiven: zeitlich, räumlich sowie menschlich. Doch egal von wo aus man schaut, der Schrecken bleibt immer gleich.

Auch die Themen der Entwurzelung, die Bedeutung von Heimat und Familie stehen immer wieder im Mittelpunkt und gehen Hand in Hand mit dem Themenkomplex der Sklaverei. Dabei wird immer wieder deutlich, dass jeder Mensch Teil von etwas Größerem ist. Jedes Schicksal erzählt auch gleichzeitig die (blutige und hässliche) Geschichte unserer Welt.

Die Übergänge der Portraits knüpfen nahtlos aneinander an, obwohl zwischen den Handlungssträngen mehrere Jahre oder gar Jahrzehnte liegen. Einem Teppichweber gleich, webt die Autorin ihre Geschichte sehr geschickt zu einem großen Kunstwerk, welches man mit offenem Mund und aufgerissenen Augen bestaunt und dessen Wert man auf einem Blick erkennt. Der Roman ist stark, kraftvoll, intensiv und laut – und doch ruht er in sich. Er drängt sich dem Leser auf und vereinnahmt ihn. Der Schreibstil ist einfach, ohne viele Schnörkel. Facettenreich und vielschichtig. Der Autorin ist es gelungen, jeder Person im Buch eine eigene Stimme zu geben, die gehört werden will und die ganz persönlich und individuell ihre Geschichte erzählt.

Das Ende des Romans ist perfekt. Und eigentlich ist es gar kein wirkliches Ende, was es um einiges erträglicher macht, das Buch zuzuschlagen und zur Seite zu legen. Der Roman ist mit seinen über 400 Seiten keineswegs kurz, aber ich bin überzeugt, dass es noch so viel mehr zu erzählen gibt und noch längst nicht alles gesagt ist. Es gibt Vieles, das ausgelassen wurde; Schicksale, die nicht erzählt wurden. Das erkennt man mit einem Blick in den Stammbaum am Ende des Buches (sehr hilfreich übrigens, um den Überblick nicht zu verlieren). Alle Figuren, die erzählten und nicht erzählten, leben zwischen den Buchdeckeln und darüber hinaus weiter. Der Roman hallt noch lange nach und begleitet den Leser im Kopf und im Herzen. Wenn man die ‚Kürze‘ des Romans als Kritikpunkt bezeichnen möchte, dann bitte sehr. Aber zeichnet das nicht eigentlich die wirklich guten Bücher aus?

Mein Fazit
„Heimkehren“ von Yaa Gyasi ist ein vielschichtiger und sehr intensiver Roman. Die Autorin nimmt den Leser mit auf eine einzigartige Reise durch die Jahrhunderte und Länder. Der Roman erfüllt seinen Bildungsauftrag auf ganzer Linie und ist kulturell, literarisch und politisch wertvoll. Ich könnte mir den Roman auch sehr gut als Lektüre im Englischunterricht vorstellen. Für mich gehört dieser Roman zu meinen Highlights 2018 und ich kann ihn definitiv empfehlen.

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