[Plauderecke] Indie-Lesung: Alle meine Freunde | Werbung

Am vergangenen Donnerstag fand im E-Werk in Erlangen die Pilotlesung der Literaturveranstaltung „Alle meine Freunde“ statt. Hinter der Veranstaltung steht der Erlanger unabhängige homunculus Verlag. Gegründet wurde dieser im Jahr 2015 von vier Germanistikstudierenden: Sebastian Frenzel, Laura Jacobi, Joseph F. E. Reinthäler und Philip Krömer. Letzterer war bei der Lesung Moderator und führte Autoren, Musiker und Gäste gekonnt durch den Abend. Diese Pilotlesung, die als Lesereihe angedacht ist, soll die Indie-Literatur nach Erlangen bringen und Leser und Literaturbegeisterte vereinen. In kleiner Runde machten man es sich auf Sofas und Stühlen in der Clubbühne des E-Werks bequem. Ein tierischer Gast war auch dabei. In fast familiärer Atmosphäre lauschte man dem Musiker John Steam Jr., der Autorin Judith Keller, dem Autor Mauran Paschen und dem Moderator Philip Krömer.

Der Abend wurde ganz unvermittelt mit Musik eröffnet. Ohne große Worte, sondern mit vollen Tönen schmetterte der Musiker John Steam Jr. seine Musikstücke. Der Singersongwriter spielte authentisch und energisch auf Gitarre und Mundharmonika. Dabei versetzte er die Zuhörer in eine rustikale Atmosphäre.

Nach einer kurzen Begrüßung durch den Moderator, begann Judith Keller aus ‚Die Fragwürdigen‘ (erschienen im Verlag Der gesunde Menschenversand) zu lesen. Ihre kluge Kurzprosa erzählt Geschichten von Menschen, die sich in den Irrungen und Wirrungen des Lebens verlieren und von der Autorin mittels Sprache gerettet werden. Nicht nur die genialen Wortspiele, die einen zum Schmunzeln und Nachdenken bringen, sondern auch die Art und Weise wie sie vorlas, fand ich einzigartig und hat mich zutiefst beeindruckt. Die Fragwürdigen sind Menschen, deren Geschichten sich aufdrängen und erzählt werden wollen. Auf wenigen Zeilen entfalten sie eine Welt mit großer Wirkung. Ich hätte ihr noch viel länger zuhören können. Judith Keller habe ich als Wortkünstlerin mit einem außergewöhnlichen Stil für mich entdeckt und das Buch steht schon auf meiner Wunschliste.

Die Fragwürdigen von Judith Keller (Der gesunde Menschenversand, 2017)

Alles beginnt mit einer fliehenden Kuh. Kaum hat sie Frau Hasler über den Haufen gerannt, hebt sich der Vorhang und die Fragwürdigen betreten einer nach der anderen die Bühne. Jede und jeder ein Unikat, Künstler und Künstlerinnen des Lebens. Eine Frau, die den Zug nicht verlassen will, weil sie sich vor dem Schmutz da draussen fürchtet. Ein Mann, der mit Pralinen nicht umgehen kann. Die für zu leicht befundene Alice und der dicke Marc. Erwin, der nicht versteht, warum nicht alle so sind wie er. Die umsichtige Frau Sägisser und die vielleicht gar nicht so hilfsbereite Frau Siegentaler. Menschen, die ihre Liebe nur spüren, weil sie getrennt sind, Menschen, die nur zusammen sind, weil sie ihre Lügen lieben. Leute mit sprechenden und verschwiegenen Namen. Und natürlich die Polizei!

Es herrscht ein wunderbares Durcheinander in diesem Buch. Judith Kellers Prosa gibt all jenen eine Stimme, die sonst in den Wörtlichkeiten hängen bleiben. Manchen genügt ein Kurzauftritt, andere brauchen etwas länger. Immer aber müssen sie durch jene feingeschliffene Sprache hindurch, die ihnen diese Schwyzer Autorin für einen Moment zur Verfügung stellt und sie und uns die Lage erkennen lässt.

Ein Buch zum Aufblättern und Darin-Versinken.

Nach einer kurzen Pause ging es weiter mit dem zweiten Indie-Autor, der frisch aus der Toskana angereist kam: Maruan Paschen. Er legte ein unglaublich lebenslustiges und sonniges Gemüt an den Tag und verbreitete gute Laune. Er las aus seinem Roman ‚Weihnachten‘ (erschienen bei Matthes & Seitz Berlin). Der Auszug war sehr gut gewählt, denn er zeigte die verschiedenen Facetten des Romans: humorvoll, ernst, weltklug, ehrlich und kurios. ‚Weihnachten‘ ist ein etwas unkonventioneller Familienroman, der möglicherweise näher an der Realität dran ist als einem lieb ist.

Weihnachten von Maruan Paschen (Matthes & Seitz Berlin, 2018)

Ein Weihnachtsfest, das Fest der Liebe – oder aber das Fest der Tragödien, der Einsamkeit und der (Selbst-)Morde. Der Erzähler in Maruan Paschens rasantem und pointenreichem tragikomischen Familienroman berichtet einem Therapeuten vom letzten Weihnachtsfest mit seiner Familie: seine alleinerziehende Mutter und ihre Brüder. Voll abgründigem Witz kommt Paschen schnell zur Sache, da geht es um das Fondue, das in Handschellen zu sich genommen wird, um eine Liebesbeziehung im Kaufhaus, den kranken Onkel Art, der einen Weihnachtsbaum samt Auto klaut, Onkel Tarzan, der Araber hasst und von seiner Familie verlassen wurde, und Onkel Berti, der beim Versuch, das Weihnachtskonzert zu dirigieren, den Fonduetopf umwirft. Immer wilder werden die Geschichten und immer mehr erfährt man vom Leben des Erzählers und seiner Familie. In Erinnerungen an frühere Weihnachtsfeste und die Familiengeschichte tritt die Vergangenheit wieder hervor. Alte Kränkungen und dunkle Geheimnisse, die über Generationen weitergegeben werden und das Leben schleichend vergiften, kommen ans Tageslicht. Aber wer tötete wen? Und wer war der Therapeut?

Philip Krömer verwickelte die Autoren nach ihren jeweiligen Lesungen geschickt in Gespräche über ihre Publikationen und ihr literarisches Schaffen. Die Tatsache, dass sich die beiden Autoren bereits kannten, unterstrich auch nochmal das Motto des Abends: Alle meine Freunde. Zum Abschluss spielte noch einmal John Steam Jr. und entließ die Autoren und Verleger in einen kommunikativen Austausch mit den Gästen. Einen Büchertisch gab es selbstverständlich auch – von der BücherInsel in Frauenaurach. Ich hätte mir gerne sowohl ‚Die Fragwürdigen‘ als auch ‚Weihnachten‘ gekauft, allerdings musste ich mich entscheiden. Meine Wahl fiel letztendlich auf ‚Weihnachten‘ von Maruan Paschen. Aber ‚Die Fragwürdigen‘ stehen ganz oben auf meiner Wunschliste.

Insgesamt war es ein sehr schöner, unterhaltsamer und gelungener Abend: ein außergewöhnlicher Mix aus Musik, Gesprächen, Kurzprosa und Langform. Ich hoffe sehr, dass diese Veranstaltungsreihe weitergeführt wird. Denn Erlangen hat so viel zu bieten – nur an Literaturveranstaltungen mangelt es leider. Umso wichtiger sind Veranstaltungen wie ‚Alle meine Freunde‘, die die Indie-Literatur ins Rampenlicht stellen.

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