[Rezension] Identitti

Identitti – Mithu M. Sanyal

Aquila

Verlag: Hanser Literaturverlag | Seiten: 432
Erschienen: 2021

Kurzbeschreibung

Die Düsseldorfer Uni wird von einem Skandal erschüttert: Saraswati, die Star-Professorin und Expertin in Fragen und Debatten rund um Identität und Postcolonial Studies ist weiß und keine Person of Colour, wie sie selbst behauptet. Während online wie offline ein Shitstorm über Saraswati hereinbricht und die Fragen zum Thema Identität heißer und kontroverser diskutiert werden als zuvor, bricht für Nivedita eine Welt zusammen.


Meine Meinung

Dieses Buch ist auf Bookstagram in aller Munde: Es wird besprochen, bejubelt und geliebt (inzwischen steht es sogar auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2021). Für den Buchclub habe ich mich also auch an diesen Hype herangewagt und ich muss leider ehrlich sagen, dass ich mich den allgemeinen Begeisterungsstürmen nicht aus vollem Herzen anschließen kann.

Die Grundidee des Romans ist genial! Eine weiße Frau gibt sich als PoC bzw als Inderin aus, ist damit erfolgreich und macht Karriere. Dieser Ausgangspunkt ist spannend, provokativ und grenzüberschreitend. Aus all diesen Gründen ist die Geschichte so genial und findet dermaßen hohen Anklang – zurecht. Denn wie die Autorin selbst schreibt, wird die sogenannte Identitätspolitik „mit aller Wucht und in größtmöglicher Vielfalt der Meinungen geführt“ (S. 419). Und dafür ist der Roman ein leuchtend-schillender, notwendiger und überfälliger Beitrag. Es kommt noch hinzu, dass es eine ähnliche Hochstaplerin wirklich gab: Die Ereignisse, die im Roman geschildert werden, fußen teilweise auf oder sind inspiriert von dem Fall um Rachel Dolezal, einer amerikanischen Kulturwissenschaftlerin, die sich als Afroamerikanerin ausgegeben hatte.

Im Roman begleiten die Leser*innen die Studentin Nivedita (indischer Vater, deutsche Mutter), wie sie von dem Skandal rundum ihre Lieblingsprofessorin erfährt, welche unmittelbaren Konsequenzen dieser für sie hat und wie sie damit umgeht. Die Autorin bettet die Handlung in eine sehr moderne, einfallsreiche und fordernde Erzählweise ein. Sie stützt sich auf das aktuelle Tagesgeschehen, auf Dynamiken und Diskussionen, die sich alle paar Wochen in unserer Gesellschaft wiederholen und auch sprachlich ist sie sehr nah dran an den Leser*innen (Großer Pluspunkt: Es wird mit dem Sternchen gegendert!). Am meisten haben mich die in den Text eingebundenen, (halb-)fiktiven Tweets beeindruckt, die die Shitstorm- und Diskussions(un)kultur auf Twitter wirklich 1:1 widerspiegeln. Ich hatte tatsächlich das Gefühl, mich durch die Twitter-Trends zu klicken und Doom-Scrolling zu betreiben. Dass viele Aktivist*innen wie Kübra Gümüşay den Tweets ihre Stimme verliehen haben, lässt die Tweets noch um einiges authentischer erscheinen. Ganz große Klasse!

Der Roman ist ein Spiegel unserer offline und online Gesellschaft und die Autorin verwebt die beiden Sphären auf geschickte Art und Weise: Shitstorms, Demos, Bürokratie und 80 Millionen Menschen, die über Nacht zu identitätspolitischen Experten mutieren. Dieser öffentlichen Perspektive stellt die Autorin eine private gegenüber und zeigt, wie sich diese Zustände auf die Betroffenen auswirken. Damit bildet die Autorin die Wucht und die Vielfalt der Meinungen unserer Gesellschaft treffend ab.

Die Autorin erzählt ein komplexes Thema auf augenscheinlich leichte Weise, fordert den*die Leser*in, gibt aber ebenso viel wieder zurück. Dennoch konnte ich mich nicht vollständig mit ihrer Erzählweise anfreunden. Niveditas Erzählstimme ist quirlig, laut, bunt und sehr extrovertiert – manchmal ein bisschen zu sehr (zumindest für mich als eher zurückhaltende Person). Das strapazierte meine Geduld und das Lesen wurde zeitweise anstrengend und eine wahre Geduldsprobe. Gegen Ende des Romans bin ich teilweise komplett ausgestiegen, denn ich fand die Ereignisse mehr als nur verwirrend. Ein paar Fragezeichen sind geblieben.

Zu keiner der Figuren habe ich einen Zugang gefunden; ihr Miteinander war chaotisch und die Diskussionen zwischen Nivedita und Saraswati zogen sich teilweise sehr in die Länge, drehten sich im Kreis und waren inhaltlich redundant. Diesen Kaugummi-Passagen stehen allerdings einige starke und aussagekräftige Textstellen gegenüber, die einen zum Nachdenken anregen und dazu bringen, bestehendes Wissen zu hinterfragen (und zwar so lange, bis man sich bei gar nichts mehr sicher ist).

Auch die übrigen Figuren, die um die beiden Frauen rotieren, sich in die Diskussionen einschalten, tragen stark dazu bei, dass man sich häufiger als nötig im Kreis drehte. Besonders wegen des Dramas um Niveditas Beziehung zu Simon und wegen des ständigen Hin und Her zwischen Nivedita und ihrer Cousine Priti musste ich hin und wieder mal die Augen verdrehen. Auch Niveditas Monologe bzw Dialoge mit der Göttin Kali haben mich sehr zwiegespalten: Einerseits waren diese super unterhaltsam und lockerten die Handlung auf und sorgten abseits der gefühlt immergleichen Diskussionen für ein wenig Abwechslung, andererseits waren sie auch sehr speziell und eigen. Aber ich denke, dass genau diese Mischung ihren Charme ausmacht.

Die Figuren drücken sich und handeln auf eine sehr körperbezogene Art und Weise. Es werden teilweise viele (explizite und implizite) sexuelle Anspielungen gemacht, mit denen ich einfach nichts anfangen konnte (verstanden habe ich sie schon, aber irgendwie fand ich sie nervig und befremdlich. Eine Szene empfand ich sogar als ein wenig verstörend).


Mein Fazit

„Identitti“ ist in vielerlei Hinsicht, besonders bzgl der gesellschaftskritischen Aspekte, ein großartiges Buch, das längst überfällig war. Es ist frech, vorlaut und vielfältig. Es diskutiert das Konzept “Identität” auf eine mir bisher unbekannte Art und Weise und zeigt, was alles hinter diesem kleinen Wörtchen stecken kann und welche Wellen etwas so persönliches in der Öffentlichkeit schlagen kann. Dennoch löste es bei mir keine überschwängliche Begeisterung aus. Es war ein gutes, ein sehr gutes Buch, aber für mich definitiv kein Highlight.


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