Kopflos – Ariana Harwicz
Verlag: C. H. Beck | Seiten: 143 Originaltitel: Perder el juicio | Übersetzerin: Silke Kleemann Erscheinungsjahr: 2025 |
Kurzbeschreibung
Lisa hat das Sorgerecht für ihre Söhne verloren und darf sie nur noch unter Aufsicht treffen. Heimlich beobachtet sie die Zwillinge in einem Supermarkt, wo sie mit ihrem Vater einkaufen sind. Die Gewissheit, im Leben ihrer Söhne eine Fremde zu werden, den Alltag ihres Aufwachsens nicht mitzuerleben, verursacht einen überwältigenden Schmerz, der Lisa in eine Extremsituation treibt. Das Beobachten wird zum Stalking, und jeder Gedanke an ihre Söhne zur Obsession, bis sie etwas tut, das sie sich selbst niemals zugetraut hätte.
Meine Meinung
„Kopflos“ war eine herausfordernde und anstrengende Lektüre, sowohl von stilistischer als auch von thematischer Seite. Um ehrlich zu sein, empfand ich den Roman stellenweise als absoluten Fiebertraum: wirr und wabernd.
Wenn man beim Lesen bei klarem Verstand bleibt und man hinter das emotionale Delirium der Protagonistin blickt, merkt man, welch wichtige und belastende Themen der Roman behandelt: Es geht um Mutterschaft, weibliche, familiäre und sexuelle Gewalt, um das Infragestellen der eigenen kulturellen Identität, um Diskriminierung und Frauenfeindlichkeit. Das Problem ist nur: All dies verbirgt sich hinter Schichten und Schichten von metaphorischem, verhüllendem, verstörendem und verwirrendem innerem Monologisieren.
Während der Lektüre bewegt man sich im Kopf, in den Gedanken und Gefühlen von Lisa, einer Mutter, die ihre Söhne mit jeder Faser ihres Seins vermisst. Sie ist eine Frau, mit einer komplizierten Vergangenheit, die in einem fremden Land lebt und sich in einer fremden Kultur bewegt und es geschafft hat, sich aus einer (für beide Seiten) toxischen und gewaltvollen Beziehung zu befreien. Zu behaupten, Lisa hätte Schwierigkeiten, sich an das Umgangsverbot zu halten, wäre untertrieben. Schon der Anfang des Romans lässt nichts Gutes ahnen und bereitet den*die Leser*in auf diese düstere und zerrissene, im inneren Kampf begriffene Innenschau vor. „Kopflos“ erzählt von einer Frau im Ausnahmezustand.
Den Roman muss man mit Vorsicht, Durchhaltevermögen und Offenheit angehen. Ich wollte die Lektüre mehrfach abbrechen, weil dieser wirklich wirre innere Monolog, mit verzerrten und unklaren Erinnerungen, deren Zusammenhänge und Ursprünge man nie wirklich durchschaut, dieses denkende Erzählen oder erzählende Denken, wie man es auch nennen mag, echt nicht einfach zu verstehen war; teilweise sogar gar nicht. Denn bei aller Liebe, ich habe es echt versucht. Habe meine Interpretationsfantasie auf’s Maximum gestellt, aber ich habe nicht immer alles verstanden. Mehr oder weniger habe ich ein Gefühl für die Ereignisse, Erinnerungen und Flashbacks in diesem wogenden Gefühls- und Gedankenchaos bekommen. Das war echtes Fingerspitzenlesen im metaphorischen Dunkel.
„Kopflos“ ist eine intensive und rasante Lektüre: Die Szenen folgen schnell aufeinander. Da passiert so viel, aber es fehlt auch mindestens genauso viel. Brüche passieren, wenn die Protagonistin sich ihrer eigenen Gedanken bewusst wird und den inneren Monolog hinterfragt. Die Protagonistin wirkt in einem Moment panisch, hektisch und unkoordiniert und dann wiederum bei klarem Verstand.
Ich hatte echtes Mitgefühl mit dieser Frau, obwohl ich rational gesehen wusste, dass sie falsch handelt. Oder tut sie das? Ihre Glaubwürdigkeit muss man in Frage stellen, ihre Perspektive auf die Dinge ist unzuverlässig.
Lisa ist verzweifelt und befindet sich in einer Ausnahmesituation. Sie denkt und handelt mindestens moralisch fragwürdig; aber das macht das Ganze auch interessant. Als ihr Wunsch die Mutter ihrer Söhne zu sein, eskaliert und alles andere überschreibt, fiebert man mit. Und man fühlt sich von der Geschichte sehr schnell überfordert – da will man gar nicht wissen, wie es Lisa geht, die etwas tut, von dem die meisten behaupten würden „Ach, niemals!“. Behaupten lässt sich vieles.
Wenn du in einem fremden Land lebst, in dem du dich nicht wohl fühlst und in dem man dich nicht willkommen heißt; wenn du kein erfülltes Leben lebst, keine Verbündeten hast, diskriminiert wirst, die Sprache nicht sprichst; wenn die Beziehung zu deinem Partner in die Brüche geht, du mit Leib und Seele Mutter bist und dir das Jugendamt deine Kinder wegnimmt. Was dann? Diese Frage erforscht der Roman auf eine krasse, mitreißende, rauschartige Weise. Es ist ein Annäherungsversuch an die Realität. Die Autorin lockt einen mit dieser Geschichte aus der eigenen Komfortzone. Die Autorin eröffnete mir einen Blick auf Lebensumstände, die von meinen nicht weiter entfernt sein könnten. Es ist auf jeden Fall eine krasse Geschichte, die sich auf geballten 142 Seiten abspielt.
Ich muss auch ehrlich sagen, dass dieser Roman in seiner Originalsprache wahrscheinlich ganz anders wirkt. Wie viele Wortspiele sind bei der Übersetzung verloren gegangen? Wie viele Metaphern mussten im Deutschen umschrieben werden, damit sie funktionieren? Das soll gar keine Kritik an den Fähigkeiten der Übersetzerin sein, die hier einen ausgezeichneten Job gemacht hat; es ist nur eine Tatsache, dass Verlust einer Übersetzung inhärent ist. Den spanischen Titel finde ich auch sehr spannend: „Perder el juicio“ bedeutet im übertragenen Sinn „den Verstand verlieren“. Aber wenn mich meine rudimentären Spanischkenntnisse nicht täuschen (korrigiert mich gerne), kann es auch „eine Gerichtsverhandlung verlieren“ bedeuten („el juicio= Verstand; Urteil, Prozess, Gerichtsverhandlung“ und „perder= verlieren“) – und diese Dualität passt perfekt zur Prämisse des Romans: Lisa verliert nicht nur den Verstand, sondern auch den Sorgerechtsstreit.
Dann wiederum bin ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt die richtige Person für diesen Roman war, um ihn zu verstehen und wertzuschätzen. Denn Lisas Lebensrealität könnte nicht weiter von meiner entfernt sein. Dabei ist die Prämisse des Romans spannend und viele Aussagen, die die Protagonistin trifft, regen zum Nachdenken an und ergeben erschreckend viel Sinn oder sind fast dichterisch-schön.
Mein Fazit
„Kopflos“ von Ariana Harwicz ist ein spezieller Roman, dem man sich öffnen muss. Thematisch und erzählerisch komplex, scheint der Roman ein Licht in die verborgensten Winkel der dunklen menschlichen Abgründe.
Weitere Meinungen zu “Kopflos” von Ariana Harwicz
- Rezension von Booquinia
- Rezension von Lust auf Literatur



