Der eReader, der das Cover des italienischen Romans zeigt liegt auf einem Schreibtisch, umgeben von diversen Gegenständen, wie italienischen Lehrbüchern oder einem Notizzettel auf dem eine Nachricht steht.

[Rezension] Meine Liebe stirbt nicht

Meine Liebe stirbt nicht – Roberto Saviano

Der eReader, der das Cover des italienischen Romans zeigt liegt auf einem Schreibtisch, umgeben von diversen Gegenständen, wie italienischen Lehrbüchern oder einem Notizzettel auf dem eine Nachricht steht.

Verlag: Einaudi | Seiten: 344
Erscheinungsjahr: 2025

Kurzbeschreibung

Rossella Casini wächst wohlbehütet in ihrem florentinischen Elternhaus auf. Sie ist Anfang 20 und studiert Pädagogik an der Universität in Florenz, als sie Francesco Frisina kennenlernt: ein Student aus Kalabrien. Dass Francesco und seine Familie mit der ‘Ndrangheta verbandelt sind, weiß sie zu dem Zeitpunkt noch nicht. Während eines Sommerurlaubs in seiner Heimatstadt Palmi wird Rossella Zeugin einer Blutfehde, die alle um sie herum in den Abgrund zu reißen droht. Doch Rossella gibt Francesco nicht auf, sie flieht nicht, denn sie ist davon überzeugt, dass ihre Liebe den blutigen Wahnsinn beenden kann.


Meine Meinung

Rossella Casini wurde am 29. Mai 1956 in Florenz geboren und wurde am 22. Februar 1981 Opfer der ‘Ndrangheta. Sie verschwand in Palmi, Kalabrien während einer Blutfehde zwischen den Familien Gallico und Parrello-Condello. Ihr Körper wurde nie gefunden. Roberto Saviano erzählt mit diesem Roman ihre Geschichte und setzt ihr so ein literarisches Denkmal, ohne skandalös oder geschmacklos zu sein. Er bewahrt ihre Erinnerung mit Würde.

Anhand von Erzählungen von Familienmitgliedern, mittels Gerichtsakten und Zeugenaussagen rekonstruiert Saviano das, was sich in den letzten Monaten, Wochen und Tagen von Rossellas Leben zugetragen hat. Dabei bleiben natürlich Lücken, die er mittels Abstraktion, durch Rückschlüsse, Vermutungen und erzählerische Freiheit füllt. Der Roman erzählt also eine wahre Geschichte, deren Rahmenpunkte sich wirklich zugetragen haben. Und doch habe ich mir noch nie so sehr wie bei diesem Roman gewünscht, dass alles erstunken und erlogen ist.

Ich habe mir während der Lektüre so oft einen anderen Ausgang gewünscht, doch die Realität ist grausam. Rossella erscheint auf den Seiten als eine so lebensfrohe Frau, mit sehr viel Mut, hohen Idealen, einem unbeugsamen Rückgrat. Und vor allem: Sie häatte so viel Liebe zu geben. Ihre Geschichte ist so alt wie die Welt: Eine Frau versucht mithilfe ihrer Liebe, einen Mann zu ändern. Aber die Zwänge seiner Herkunft und seiner Rolle innerhalb seiner Familie sind zu stark und stehen über allem, auch über der Liebe – vor allem über der Liebe zu einer Fremden, die die Lebensweise der Mafia nicht versteht, sie nicht lebt.

Zwischen den Zeilen und den Seiten reflektiert Saviano was es bedeutet, zu lieben und zu hassen, und was diese Gefühle im Zusammenhang mit der Loyalität zur Familie bedeuten. Saviano macht die Liebe zu etwas Politischem. Denn Rossella versucht mit ihrer Liebe das zu erreichen, womit Gerichte, die Regierung, die Polizei scheitern. Sie fordert die ‘Ndrangheta heraus, versucht einen Unterschied zu machen, Leid zu beenden. Durch Rossellas Geschichte gibt Saviano Einblicke in die Denk- und Handlungsweisen der mafiösen Strukturen der frühen 80er Jahre.

Dabei erzählt Saviano nicht nur Rossellas Geschichte, sondern er beleuchtet auch die Umstände der Blutfehde, die damals so viele Menschen in den Tod gerissen hat. Er macht deutlich, was dieser Krieg bedeutet, im Großen und im Kleinen, wie er geführt wird, wie machtlos die Gerichte und die Politik gegenüber der organisierten Kriminalität sind. Dass ihnen meist nichts anderes übrig bleibt, als nur ein moralisches Urteil zu fällen. Der Autor beleuchtet die Strukturen und Rituale der ‘Ndrangheta, macht verständlich, was Freund und Feind in einer Welt bedeutet, die auf Ehre, Omertà und Blut fußt.

Mit seinem gesammelten Wissen, das ein Leben unter Polizeischutz notwendig macht, und vielen weiteren Recherchen haucht er diesen Ereignissen neues Leben ein. Er entstaubt Gerichts- und Ermittlungsakten und begibt sich erneut in diesen Sumpf, der schon so viele Menschen in seinen Grund hinabgerissen hat und nicht damit aufhört.

Es fasziniert mich, wie nah er einen an die Figuren heranführt, aber dennoch eine gewisse erzählerische Distanz bewahrt. Er beschreibt Rossellas Innenwelt, ohne diese Welt zu beanspruchen, ohne zu behaupten, dass er die letzte Wahrheit gepachtet hat.

Der Roman liest sich wie eine Art erzählte Chronik. Der Autor zeichnet das Bild eines Italiens in Aufruhr: Einem Land, das sich zwischen dem schwarzen Terror von rechts, dem roten Terror von links und von der Mafia in seiner Mitte, die vor sich hin brütet und sich immer weiter ausbreitet, windet. Und dazwischen: Eine junge Frau, die ihren Platz in der Welt noch sucht und ihn in den Armen eines Mannes findet, der sie in die Fänge der Mafia geraten lässt. Die Ereignisse fließen tosend dahin, sind ein mitreißender Fluss und entwickeln einen Sog, der mich nicht losgelassen hat. Auch jetzt, während ich diese Rezension abtippe, möchte ich Rossella einfach nur in den Arm nehmen, ihr beistehen, ihr meinen Respekt und mein Bedauern ausdrücken.

Man wird mit einem tragischen Schicksal konfrontiert und man kann sich sicher sein, dass Rossellas Fall kein Einzelfall ist. Saviano zeigt sie in all ihren Facetten: als Kind, als Tochter, als beste Freundin, als Frau, als Partnerin. Er verklärt sie nicht, zeigt nicht nur ihre guten Seiten, sondern auch ihre Fehler. Saviano versucht, sie als Menschen darzustellen, der zum ersten Mal lebt und liebt und sich in etwas verliert, das größer und mächtiger ist als sie.

Dass Liebe nicht nur retten, sondern auch verdammen kann, ist nichts Neues. Aber es ist doch irgendwie bedrückend, dass nicht mal die Liebe eine Chance gegen die ‘Ndrangheta hat (so naiv dieser Gedanke auch klingen mag). Dieser Roman stimmt mich in vielerlei Hinsicht nachdenklich. Ich hoffe sehr (und schließe mich damit dem Wunsch des Autors an), dass Rossellas Fall von den Gerichten wieder eröffnet wird und ihr Tod endlich Gerechtigkeit erfährt.


Mein Fazit

„Meine Liebe stirbt nicht“ von Roberto Saviano will gar nicht so sehr unterhalten, sondern vielmehr aufklären. Ich habe den Roman mehr als Mahn- und als Denkmal verstanden. Liebe, Unschuld, Gewalt, Hoffnung und Hass vermischen sich und malen das Bild einer herzzerreißenden und brutalen Realität. Rossella du bist nicht vergessen! Absolute Leseempfehlung.

All den Dark-Mafia-Romance-Leser*innen möchte ich diesen Roman ans Herz legen. An der Verherrlichung dieser Beziehungen ist nichts Romantisches. (I said what I said)


Eine Gedenktafel am ehemaligen Elternhaus und Wohnort von Rossella Casini erinnert an die junge Frau und an ihr Schicksal:

„Hier lebte
Rossella Casini
Opfer der ‚Ndrangheta
verschwunden seit dem 22 Februar 1981
weil sie aus Liebe
gegen das kriminelle Schweigegelübde verstieß“

(frei übersetzt von mir)

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