[Rezension] Sagte Sie

Titel: Sagte Sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht
Herausgeberin: Lina Muzur
Verlag: Hanser Verlag
Seiten: 224
Preis: HC 20€
ISBN: 978-3-446-26074-0
Erschienen: 2018

© Coverabbildung: Hanser Verlag

 

Kurzbeschreibung
In dieser Anthologie wurden 17 Erzählungen von 17 Autorinnen gesammelt, die das Beziehungsgeflecht zwischen Männern und Frauen aus allen möglichen Perspektiven behandeln. Im Mittelpunkt der Geschichten stehen dabei Sex und Macht.

Meine Meinung
Hauptaugenmerk der Geschichten liegt, wie der Titel bereits verrät, auf Sex und Macht. Doch es geht um noch viel mehr: es geht um Angst, Wut, Scham und Begehren. Es geht um das Miteinander von Männern und Frauen, Frauen und Frauen. Es geht nicht nur um das Miteinander von Erwachsenen, sondern auch um das von Kindern. In der Gesellschaft, in der Familie, im Beruf. Die Hauptfiguren sind nicht immer Opfer, sondern auch Täter.

Die Anthologie ist eine Komposition: sie vereint verschiedene Stile, Stimmen und Tonlagen. Die Geschichten nehmen nicht nur den Sex als Akt unter die Lupe, vielmehr unsere Sexualität und die Geschlechtrerrollen. Jede Erzählung ist geprägt von tiefen Emotionen und starken Gefühlen. Daher konnte ich stets nur 2-3 Geschichten auf einmal lesen. Ansonsten wäre ich von der Intensität der Erzählung und Handlung überrollt worden. Die Autorinnen erzählen mal ganz unverblümt und schonungslos, mal nur andeutungsweise und mal vieldeutig von den Erlebnissen ihrer Figuren. Manchmal muss man zwischen den Zeilen lesen, manchmal wird einem die Wahrheit ins Gesicht geklatscht. Die Autorinnen zeigen die Diskrepanzen unseres täglichen Miteinanders auf: mit uns selbst und mit anderen.

In den Geschichten stehen viele starke Frauen im Mittelpunkt, die selbstkritisch, selbstbewusst und selbstbestimmt auftreten und nach einem Weg zur Selbstbehauptung suchen. Um so der Fremdbestimmtheit zu entkommen. Die Erzählungen sind multikulturell, divers und so facttenreich wie das Leben. Hie und da erkennt man sich als Leserin wieder; nicht vollständig, sondern stückchenweise, wie bei einem Puzzle.

Wie es bei Anthologien nun mal ist, haben mir nicht alle Geschichten gleichermaßen gefallen. Von den 17 Autorinnen ‚kannte‘ (wobei kennen eigentlich schon zu viel gesagt ist) ich nur eine einzige, und zwar Kristine Bilkau. Von ihr habe ich allerdings noch nichts gelesen. Anthologien eignen sich immer dazu neue Autoren kennenzulernen. Eine gewisse Anziehung hatten für mich die Geschichten, in denen Frauen zu Täterinnen wurden bzw. in denen sie auf der anderen Seite des Machtgefälles standen. Dazu zählen: „The Day I Fucked Her Husband“ von Helene Hegemann oder „Drei Mädchen“ von Anna Katharina Hahn. Weiterhin haben mir „Die kurze Zeit der Magischen Logik“ von Kristine Bilkau und „Die Wahrheit“ von Mercedes Lauenstein gefallen.

Insgesamt hat mir die Lektüre dieser Anthologie sehr gut gefallen. Ich würde sagen, dass sie den Nerv der Zeit genau trifft. Für mich steht sie unter dem Motto: Lesen ist Lernen fürs Leben.

Mein Fazit
„Sagte Sie“ ist eine absolut lesenswerte Anthologie, die den Leser für das Leben (mit Frauen und Männern gleichermaßen) sensibilisiert und die Probleme und Fehler im Umgang miteinander aufzeigt. Mal mit zarter Hand, mal mit einer schallenden Ohrfeige. Absolute Leseempfehlung, sowohl für Männer als auch für Frauen.

Lieblingszitate
„In einer Zeit, in der die Neuverhandlung des Miteinanders von Frauen und Männern stattfindet, in einem Moment der größten Unruhe und Verwirrung, ist es die Literatur, die für Aufklärung sorgt. Nirgend sonst wird unsere Realität in all ihren Facetten abgebildet, nirgends sonst darf Denken, Fühlen und Handeln gleichzeitig passieren. Und nirgends sonst darf all das erzählt werden, was sonst nicht erzählt werden würde.“

„Der Mann blieb neben mir wie ein Schatten. […] Der Mann lief hinter mir. Eine Drohung, die ihre Schritte in meine Fußstapfen setzte.“ (Maria im Schnee – Annett Gröschner)

„Ich hasste ihn dafür, dass er nicht merkte, dass ich nicht wollte, was er tat, und beschimpfte in Gedanken ihn und sein lächerliches Geschlecht, seine lächerliche Imitation von geilem Spontansex im Taxi, seine lächerliche Performance von einem Mann. Aber noch mehr hasste ich mich und dass ich nichts sagte.“ (Setzen Sie sich! – Antonia Baum)

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