Das Buch liegt zentriert auf einem grau-weißen Hintergrund. Links liegt ein aufgeschlagenes Wörterbuch. Rechts liegt eine Schatulle mit floralem Muster aus der Belegzettel herauslugen. Im oberen bereich liegen ebenfalls Papierzettel.

[Rezension] The Dictionary of Lost Words

The Dictionary of Lost Words – Pip Williams

Das Buch liegt zentriert auf einem grau-weißen Hintergrund. Links liegt ein aufgeschlagenes Wörterbuch. Rechts liegt eine Schatulle mit floralem Muster aus der Belegzettel herauslugen. Im oberen Bereich liegen ebenfalls Papierzettel.

Verlag: Penguin Random House | Seiten: 400
Erschienen: 2021

Kurzbeschreibung

Die Halbwaisin Esme wächst im Schatten des Oxford English Dictionary und umgeben von Wörtern auf. Ihr Vater ist Lexikograph und an der Erarbeitung des Wörterbuchs beteiligt. Sehr schnell lernt Esme, nicht nur lesen und schreiben, sondern auch, dass einigen Wörtern mehr Beachtung geschenkt wird als anderen. Vor allem Wörter aus der Lebensrealität von Frauen lassen die männlichen Gelehrten durch das Raster fallen. So beginnt Esme diese Wörter zu sammeln, ihre Bedeutung schriftlich festzuhalten und ihrer Welt, ihren Erfahrungen und Erlebnissen als Frau eine Stimme zu geben.


Meine Meinung

Dieser Roman hat mich auf so vielen Ebenen erreicht: ich bin eine Frau, ich bin studierte Lexikographin und ich liebe Sprache. Ich habe mir beim Lesen dieses Buches sehr viel Zeit gelassen und habe die Geschichte ehrlich genossen.

Mit ihrem Roman bietet die Autorin den Lesenden eine alternative, aber dennoch authentische, lebendige und kritische Entstehungsgeschichte des Oxford English Dictionary. Das Oxford Englisch Dictionary ist das umfangreichste Wörterbuch der englischen Sprache. Es hat sich zum Ziel gesetzt, die gesamte englische Sprache zu dokumentieren, in all ihren Facetten (ich träume manchmal davon in der Redaktion des Wörterbuchs zu arbeiten). Die Arbeit an dem Projekt begann 1857 und die erste Lieferung erschien im Jahr 1884 unter der Leitung von James Murray. 1928 war die erste Auflage in 12 Bänden abgeschlossen. Seitdem wird das Wörterbuch beständig aktualisiert, überarbeitet und ergänzt (inzwischen existiert auch eine digitale Version des Wörterbuchs). Federführend bei diesem Projekt waren alte, weiße Männer (unter anderem beteiligte sich sogar J. R. R. Tolkien). Zwar beschäftigte das Wörterbuch auch damals schon Frauen, aber eher in assistierenden Rollen. Pip Williams ergänzt diese verstaubte Perspektive, indem sie die Entstehung des Wörterbuchs aus einem anderen Blickwinkel erzählt: und zwar aus dem weiblichen Blick heraus.

„The Dictionary of Lost Words“ ist ein Coming-of-Age-Roman, der so viele Facetten des weiblichen Erlebens abzudecken versucht wie möglich: von dem Aufwachsen ohne Mutter, über Menstruation, über Liebe, über Mutterschaft, über den ersten Weltkrieg bis hin zu den ersten feministischen Kämpfen. Es geht um die Versuche aus Konventionen auszubrechen und marginalisierten (weiblichen) Personen eine Stimme zu geben. Denn nur so kann das Wörterbuch der verlorenen Wörter des weiblichen Lebens Form annehmen.

Die Autorin entlarvt die männlich dominierte Gesellschaft nicht nur in Bezug auf das Alltagsleben, sondern auch hinsichtlich des Sprachgebrauchs. Sie zeigt die viel zu eng gefassten Bedeutungen von Wörtern wie „menstrue“ oder „sisterhood“, die nicht der (damaligen) Erfahrungswelt der Frauen entsprachen. Wörterbücher sind nie objektiv, sondern menschengemacht und somit ebenso fehlbar; das zeigt der Roman auf sehr anschauliche Art und Weise.

Mittels dieser alternativen feministischen Entstehungsgeschichte, die immer noch sehr nah an die ursprüngliche Entstehungsgeschichte heranreicht, deckt die Autorin die Unterdrückung der Frau in vielen verschiedenen Lebensbereichen auf. Besonderes Augenmerk legt die Autorin auf die Betrachtung der verschiedenen gesellschaftspolitischen Schichten, der ersten Frauenbewegung und auf die sozialen Auswirkungen des Ersten Weltkriegs. All diese Themen und Ereignisse sind auf geschickte Art und Weise verwoben, sodass eine spannende und berührende Geschichte entsteht.

Esme, die Hauptfigur, habe ich sehr schnell ins Herz geschlossen. Sie ist neugierig und wissbegierig, eigensinnig, selbstbestimmt, aber auch nicht fehlerfrei: sie ist leichtsinnig und naiv. Vor allem in ihrer Hingebung zur Sprache kam sie mir sehr nah. Sie ist eine starke und mutige Frau, die ihrer Zeit ein wenig voraus war – zum Glück! Sowieso steht sie mit diesen Attributen nicht alleine da. Der Roman lässt sehr viele eindrucksvolle Frauenfiguren aus allen sozio-ökonomischen Schichten des damaligen Oxfords zu Worte kommen: zB Mabel, die exzentrische, arme Straßenverkäuferin; Lizzie, das analphabetische Hausmädchen der Familie Murray und Esmes engste Freundin sowie Ditte, eine gelehrte Akademikerin. Es hat mir sehr viel Freude bereitet, diesen Frauen zu begegnen und einen Einblick in ihr Leben und ihr Verhältnis zur Sprache zu erhalten.

Neben Esme gibt es noch eine weitere Protagonistin: die Sprache. Sichtbar gemacht wird sie durch das Oxford English Dictionary, die damit zusammenhängende lexikographische Arbeit (die von der Autorin sehr realitätsnah beschrieben wird – häufig habe ich mich an meinen eigenen beruflichen Alltag erinnert gefühlt) und Esmes Bemühungen in Vergessenheit geratene oder absichtlich abgelehnte Wörter ein zweites Leben einzuhauchen.

Und hier ist mir erst so richtig klar geworden, warum mich die Geschichte so sehr berührt hat: Ohne Frauen wie Esme, die Töchter von Murray oder Ditte (aber auch Dank Männern wie Esmes Vater, der ihr viele Freiheiten einräumte und sie förderte) wäre ich heute möglicherweise gar keine Lexikographin. Ich habe ganz selbstverständlich das erreicht, wofür Esme kämpfen musste. Ganz am Anfang des Studiums sagte ich einmal zu einer Kommilitonin, dass ich hinsichtlich der Mitarbeit an traditionsreichen lexikographischen Großprojekte im falschen Jahrhundert geboren worden wäre (stimmt natürlich nicht, aber damals wusste ich es noch nicht besser). Im Zuge der Lektüre ist mir klar geworden, dass wenn ich im ausgehenden 19. Jahrhundert geboren worden wäre, höchstwahrscheinlich keine Lexikographin geworden wäre. Und so handelt der Roman auch ein wenig von mir.

Die Handlung umfasst ein breites Spektrum gesellschaftskritischer Handlungsstränge. Ich fand die Geschichte und die Historie wirklich sehr gut erzählt. Bis auf das Skriptorium und die Verlagsräume kam mir das Setting allerdings etwas verschwommen und beliebig vor. Die romantischen Subplots waren etwas vorherseh- und durchschaubar. Leider versteckten sich in diesen Teilen des Romans einige Klischees, wie zB das Motiv des „not like other girls“. Aber insgesamt waren auch diese Subplots gut gemacht und fügten sich perfekt in die Haupthandlung ein. Ja, sie waren sogar nötig, damit die weibliche Lebensrealität und der dazugehörige Wortschatz abgebildet werden konnte.

Das Ende kam sehr abrupt und überraschend; ich bin immer noch unschlüssig, ob ich mich damit zufriedengebe. Der Epilog hat mich mit dem Ende der Geschichte um Esme und ihr Wörterbuch ein wenig ausgesöhnt, weil er genau meine Gedankengänge widerspiegelt und eine starke Botschaft vermittelt, die bei mir für Gänsehaut gesorgt hat.

Ich hoffe ernsthaft, dass wenn dieser Roman ins Deutsche übersetzt wird, der Titel auch tatsächlich das Wort „Wörterbuch“ im Titel trägt und nicht etwa „Heft“ wie in der italienischen Übersetzung (ital. „quaderno“). Dieser Roman wirft Schlaglichter auf die Errungenschaft der Frauen der damaligen Zeit. Esmes Wörterbuch symbolisiert genau diese Fortschritte. Daher wäre es verwerflich, das Wort nicht zu verwenden. Man würde damit die Errungenschaften schmälern und ihnen ihre Bedeutung absprechen.


Mein Fazit

Dieser Roman hat mich zutiefst berührt und begeistert. Es ist ein absolut großartiges Buch, das zeigt wie stark Sprache und Sein miteinander verwoben sind. Für mich war es definitiv ein Lesehighlight. Und ich hoffe sehr, dass es noch in die Hände von vielen Menschen gelangt, die genauso darüber denken werden. Absolute Leseempfehlung!


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