Das Buch liegt hal-halb auf einem weißen, flauschigen Hintergrund und auf einer grauen Decke. Auf dem Buch und rechts oben sind kleine weiße und braune Federn drapiert.

[Rezension] Zart und frei

Zart und frei – Carolin Wiedemann

Das Buch liegt halb-halb auf einem weißen, flauschigen Hintergrund und auf einer grauen Decke. Auf dem Buch und rechts oben sind kleine weiße und braune Federn drapiert.

Verlag: Matthes & Seitz Berlin | Seiten: 200
Erschienen: 2021

Kurzbeschreibung

Sexismus, Antifeminismus, Kapitalismus und Patriarchat – diesen gesellschaftspolitischen Kräften versucht Carolin Wiedemann auf den Grund zu gehen. Sie analysiert die Strukturen von Gewalt und Herrschaft in unserer heutigen Gesellschaft und erklärt, was das für unseren Alltag und unser (gegenwärtiges sowie zukünftiges) Miteinander bedeutet.


Meine Meinung

In diesem politischen Sachbuch geht es um Strukturkritik; es geht nicht darum Männer gegen Frauen auszuspielen oder gar das Matriarchat auszurufen. Tatsächlich geht es sogar um mehr als nur die Binarität Mann-Frau: Es ist ein gehaltvolles und informatives Buch zum kapitalismuskritischen Queerfeminismus.

Die Inhalte über die die Autorin schreibt, mögen radikal wirken, aber auch nur, wenn man einer binäre, be-/ausgrenzende Sichtweise nachhängt. Ich fühlte mich während der Lektüre einerseits herausgefordert, aber andererseits auch sehr gut aufgehoben.

Inhaltlich baut das Buch auf vier Säulen: Patriarchatskritik, Antifeminismus, Kapitalismuskritik und „Beziehungen befreien“. Im Kapitel „Antifeministische Mobilisierungen“ beschäftigt sich die Autorin mit dem Entstehen und Fortbestehen von antifeministischen Tendenzen sowohl von Rechts als auch Links. Letzteres war mir nicht vollkommen neu (denn wer kennt ihn nicht den „woken, linken Dude“?), aber tiefergehend habe ich mich damit noch nicht beschäftigt. Daher waren mir auch die marxistisch geprägten Begriffe des „Haupt- und Nebenwiderspruchs“ völlig neu.

Besonders aufschlussreich fand ich auch das Kapitel „Kapitalismus und Patriarchat“ in dem Wiedemann die wechselseitigen Beziehungen dieser Kräfte entwirrt und sie zu feministischen Strömungen ins Verhältnis setzt.

Das vierte und letzte Kapitel „Beziehungen befreien“ war für mich definitiv Lesen außerhalb der eigenen Komfortzone. Im Vorfeld wusste ich bereits, dass die Autorin in ihrem Buch sehr stark gegen heteronormative, traditionelle Beziehungsformen wettert, wie die Ehe oder die Kleinfamilie. Das Buch habe ich auf Empfehlung einer Freundin gelesen, die mich auch auf die dazugehörige Lesung vom Literaturhaus Hannover aufmerksam gemacht hatte. Bei dieser Lesung erschien mir diese Kritik extrem befremdlich und ich konnte den Aussagen der Autorin auch nicht gut folgen, da mir der Kontext fehlte. Nach der Lektüre sehe ich definitiv klarer, was das Thema angeht und ganz ehrlich, ich kann ihre Kritik auch ein Stück weit nachempfinden.

Eine polyamouröse Beziehung, wie sie die Autorin verstärkt in den Vordergrund stellt, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen; dafür bin ich nicht der richtige Typ Mensch (zu besitzergreifend und eifersüchtig). Aber die vielen verschiedenen, alternativen Familienmodelle oder Möglichkeiten der Elternschaft, die die Autorin vorstellt, waren schon sehr einleuchtend. Bei ihren Darlegungen ist mir auch unweigerlich das Thema (einseitiger) Kinderwunsch in den Sinn gekommen. Einseitiger Kinderwunsch wird immer als etwas kompromissloses dargestellt, als eine Art Beziehungs-Sackgasse. Und in heteronormativen Beziehungsformen mag das sogar stimmen. Aber nach Wiedemanns Buch frage ich mich ernsthaft: Ist dem wirklich so? Hier hat das Buch auf jeden Fall einen anhaltenden Denkprozess in Gang gesetzt.

Im 4. Kapitel beschränkt sich die Autorin nicht nur auf Polyamorie oder auf die sogenannte „sex-positive Bewegung“, auch wenn diese Beziehungsform ganz klar im Vordergrund steht (in diesem Zusammenhang habe ich mich auch häufiger gefragt, wie Asexualität in ihr Konzept passt); hauptsächlich führt sie Möglichkeiten auf, die patriarchale Ordnung herauszufordern (wie zB kritische Männlichkeit). Und ich war hocherfreut zu entdecken, dass ich was das angeht eigentlich schon auf einem guten Weg befinde.

Was mir bei ihren Ausführungen ein wenig gefehlt hat, waren Betrachtungen zum internalisiertem Sexismus bei Frauen und dessen Auswirkungen bzw Zusammenhänge mit antifeministischen Strömungen. Auch findet keine bzw kaum Kritik an ableistischen Strukturen in der Gesellschaft statt und die Autorin geht auch nicht auf die Perspektive behinderter Menschen ein. Die Sicht ist zwar intersektional, aber begrenzt. Auch ihre Aussagen zum Thema Call-out Culture, also dass Entschuldigungen normalisiert wurden, haben mich ein wenig stutzig gemacht. So wie ich das sehe, ist diese Umgangsform noch nicht im Mainstream bzw der breiten Gesellschaft angekommen. Dort herrscht gefühlt noch das Motto „Sorry not sorry, viele Worte – wenig Inhalt“.

Die Autorin schreibt außerdem, dass sie mit ihrem Buch niemanden „umerziehen“ möchte (S. 12). Diese Einstellung finde ich richtig; Veränderungen oder der Wille dazu müssen aus einem selbst kommen. Was ich allerdings nicht verstehe, ist, warum die Autorin sich hier antifeministischem Wortschatz bedient? Will sie dessen Verfechter*innen trotzen, ihnen den Wind auf den Segeln nehmen?

Der Weg zu einem zarten und freien Miteinander ist noch weit – das weiß auch Carolin Wiedemann. Ihre Schlussfolgerung, dass das was für den einen befreiend wirkt, auf den anderen einengend wirken kann – und umgekehrt, fasst die Herausforderung vor der unsere Gesellschaft steht treffend zusammen.


Mein Fazit

Carolin Wiedemann beschreibt in ihrem Buch „Zart und frei“ eine erstrebenswerte Utopie und trifft damit den Nerv der Zeit. Man muss offen und ohne Scheu(klappen) und Vorurteile an die Lektüre herangehen. Es ist eine manchmal unbequeme und herausfordernde Lektüre, die die Gehirnwindungen und die eigenen Wertvorstellungen in Wallungen bringt, allerdings kann man auch vieles lernen: für den eigenen Alltag, für das eigene Handeln und Denken, für unser Miteinander.

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