[Rezension] Alles ganz normal

Alles ganz normal – Roberta Marasco

Aquila

Originaltitel: Fazzoletti rossi | Übersetzerin: Ulrike Schimming
Verlag: Carlsen Verlag | Seiten: 192
Erschienen: 2021

Kurzbeschreibung

Als Camillas Vater mit seiner neuen Lebenspartnerin am anderen Ende der Stadt zusammenzieht, heißt es für Camilla und ihren Bruder: Umzug, neue Schule und neue Freund*innen. Luna ist eine TikTokerin und das beliebteste Mädchen an Camillas neuer Schule. Die beiden Mädchen haben nichts gemeinsam, doch als ein Video viral geht, in dem Camilla über ihre Menstruation spricht, ändert sich alles.


Meine Meinung

Ein putziger, zuckersüßer und bonbonfarbener italienischer Jugendroman, der Jugendliche gekonnt an Themen wie die Period Shaming, die Enttabuisierung der Menstruation und den (Mainstream-)Feminismus heranführt.

Dafür, dass der Roman gerade mal knapp 200 Seiten umfasst, bringt die Autorin ziemlich viele Themen unter: Es geht um den Einfluss von Smartphones, von Social Media (insbesondere TikTok) und dem überhöhtem Influcencer-Dasein auf unser Alltags- und Familienleben. Dafür, dass ich den Roman eingangs als „putzig, zuckersüß und bonbonfarben“ bezeichnet habe, ist die Geschichte auch von vielen Schattenseiten geprägt: Denn es geht auch um den Umgang mit Trauer, um Vernachlässigung in der Familie und wie schwierig es ist, für sich selbst einzustehen, wenn gefühlt die ganze Welt gegen dich ist.

Im Mittelpunkt der Handlung steht die Periode, die wie ein rotes Tuch behandelt wird, das damit einhergehende Period Shaming, welches Camilla erfährt und ihren Umgang damit. Auch der Umgang der Klassenkamerad*innen mit diesem Thema wird sehr anschaulich dargestellt – dabei schwanken die Reaktionen gefühlt zwischen zwei Extremen: Mobbing und Solidarität, was in meinen Augen ein wenig zu einfach gedacht ist.

Im Umgang mit den oben genannten Themen ist die Geschichte sehr heteronormativ und binär, aber als Heranführung an den feministischen Diskurs ist das vielleicht gar nicht weiter schlimm. In der Geschichte wird auch das traditionelle Verständnis der Rollenverteilung Mann-Frau und die Care-Arbeit herausgefordert; dennoch hatte ich das Gefühl, dass dies eher auf halbherzige Weise erfolgte. Denn vor allem bei den Vätern von Camilla und Stella hatte ich das Gefühl, dass sie viel zu milde wegkommen – wahrscheinlich wäre alles andere auch zu kompliziert und ausufernd für diesen zuckerwattigen Jugendroman geworden.

Das Ende, also die Auflösung und das Zusammenführen der zwei verschiedenen Perspektiven, gestaltet sich insgesamt ein wenig überstürzt und erschien mir in der Ausführung ein bisschen zu stürmisch und über-enthusiastisch – im Friede-Freude-Eierkuchen-Stil. In dieser Hinsicht erinnerte mich die Handlung ein wenig an den englischen Jugendroman „Blood Moon“ von Lucy Cuthew.

Vielleicht liegt es an der Fülle von behandelten Themen oder ich bin einfach zu alt geworden, aber die Figuren, ihre Charakterisierung und ihre Entwicklung kamen mir ein wenig oberflächlich und klischeehaft vor. Am interessantesten fand ich tatsächlich Lunas flippige Mutter und den Biologielehrer (vor allem bei seiner Aufklärungsarbeit konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen, auch wenn seine Herangehensweise ein wenig fies ist).

Als Italienliebhaberin und als Person, die einen Großteil ihrer Kindheit in Italien verbracht hat, hat mir das Setting besonders gut gefallen. Und ich war auch positiv davon überrascht, zu diesem feministischen Thema einen italienischen Roman zu finden.


Mein Fazit

Eine leichte, eingängige und unterhaltsame Geschichte, die sich mit den Schwierigkeiten der Pubertät und des Erwachsenwerdens beschäftigt und zeigt, dass es an der Zeit ist, die Menstruation nicht mehr als rotes Tuch zu behandeln, das man nur mit spitzen Fingern anfassen darf (schade, dass man sich bei der deutschen Übersetzung für einen so nichtssagenden Titel entschieden hat – das schöne Wortspiel „Fazzoletti rossi ~ rote Tücher“ geht so leider verloren). Ein paar Mal hatte ich zwar das Gefühl, für diesen Roman ein bisschen zu alt zu sein, aber dennoch kann ich „Alles ganz normal“ ohne schlechtes Gewissen empfehlen.


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