[Rezension] The Girl Who Fell Beneath The Sea

The Girl Who Fell Beneath The Sea – Axie Oh

Aquila

Verlag: Hodder and Staughton | Seiten: 336
Erschienen: 2022

Kurzbeschreibung: Unter dem Meer

Jedes Jahr, wenn die Stürme beginnen, wird eine junge Frau als Braut des Sea Gods den Fluten zum Opfer gegeben. Als sich die 16-jährige Mina freiwillig in die Meer stürzt, um die große Liebe ihres Bruders zu schützen, landet sie im Spirit Realm. Dort findet sie den Sea God, der in einem tiefen Schlaf versunken scheint. Dieser Schlaf ist ein Fluch, den nur die wahre Braut des Sea Gods lösen kann. Mina begibt sich auf die Suche nach einer Möglichkeit den Fluch aufzuheben und trifft dabei auf unerwartete Verbündete und Feind*innen.


Meine Meinung: Don’t judge a book by its cover – oder etwa doch?

Zugegeben, bei diesem Cover war ich schockverliebt. Als ich das Cover erblickte, war es Liebe auf den ersten Blick. Leider dauerte es beim Lesen ein wenig, bis die Flamme wieder heiß und hell loderte. Bis ich vollständig in die Geschichte abtauchen konnte, hat es leider eine Weile gedauert. Aber dennoch hat mir der Tauchgang in das unterseeische Spirit Realm sehr viel Lesefreude bereitet.

„The Girl Who Fell Beneath The Sea“ ist eine Geschichte über Liebe, Freundschaft, Familie, Loyalität und Pflichtbewusstsein. Die Geschichte um die 16-jährige Mina, die sich in die Fluten stürzt, um die große Liebe ihres Bruders zu retten, ist lose an das koreanische Märchen „The Song of Shim Ch’ŏng“ angelehnt. Der Roman wird als feministisches Retelling vermarktet. Da ich mich in der koreanischen Folklore überhaupt nicht auskenne, fiel es mir schwer zu beurteilen, wie gut oder wie schlecht der Autorin das Retelling gelungen ist.

Denn leider habe ich mich an der ein oder anderen Stelle durchaus fragen müssen, worin genau die feministischen Elemente dieser Neuerzählung bestehen. Um diese Frage zu beantworten, habe ich nach einem Interview der Autorin gesucht und auch gefunden:

„It [the novel] prioritizes the female gaze, female choices, and not the original, which is more about filial piety and more about the dutiful daughter.“ (https://diversebooks.org/qa-with-axie-oh-the-girl-who-fell-beneath-the-sea/)

Auch wenn die Autorin sich im Interview von der „pflichtbewussten Tochter“ zu entfernen versucht, hatte ich dennoch das Gefühl, dass Pflichtbewusstsein und Verantwortungsgefühl ua gegenüber Minas (patriarchalen) Dorfgemeinschaft (zwar nicht durchgehend) leitende Motive waren. Aber wie gesagt, da mir die koreanische Folklore, Mythologie und Kultur fremd sind und im Besonderen das Ursprungsmärchen unbekannt ist, kann ich darüber nicht wirklich urteilen.

In diesem Zusammenhang fällt im Interview noch der folgende Satz:

„So I was trying to subvert some of the ways people read Asian stories where they think women are weak, women are powerless, they don’t have voices.” (https://diversebooks.org/qa-with-axie-oh-the-girl-who-fell-beneath-the-sea/)

Diesen Aspekt hat die Autorin sehr gut umgesetzt. Dadurch, dass der Roman auch in der Ich-Perspektive geschrieben ist, bekommt man einen guten, wenn auch nicht besonders tiefgehenden Einblick, in die mutige und sturköpfige Mina.

Minas Freund*innen und Gefährt*innen erschienen mir sehr sympathisch und loyal – aber, wie bei Mina, blieben auch hier die Charakterisierungen ein wenig oberflächlich. Insgesamt hätte ich ein wenig mehr über die Figuren erfahren: Die Autorin hört in ihren Charakterisierungen genau da auf, wo es gerade erst interessant zu werden schien. Hinter der ein oder anderen Figur scheint sich nämlich eine sehr interessante Mythologie zu verstecken. In dieser Hinsicht hätte der Roman ruhig mehr Tiefe (und Länge) vertragen können.

Dieser letzte Kritikpunkt lässt sich auch auf das World Building insgesamt übertragen. Die Beschreibung des Settings war wechselhaft: Stellenweise war es sehr liebevoll und detailreich, an anderen Stellen wiederum war es durchaus ein wenig vage und nicht sehr scharf umrissen. Ich hätte mir gewünscht, dass die Autorin diese einzigartige Welt durch Beschreibungen und intensiverem World Building ein bisschen zugänglicher gestaltet hätte. Vielleicht kommen mir die Schilderungen auch ein wenig oberflächlich vor, weil ich kaum oder keine kulturellen Anknüpfungspunkte habe?

Bei „The Girl Who Fell Beneath The Sea“ handelt es sich eindeutig um einen Young Adult Romance Novel. Das merkt man am Erzählstil und an der Erzählstruktur. Die Liebesgeschichte fand ich sehr schön erzählt und ich habe sie nicht als allzu aufdringlich empfunden. Sie ist nicht „spicy“ oder erotisch aufgeladen (es ist schließlich auch nur ein Young Adult-Roman). Dennoch waren die Spannungen zwischen den Beteiligten von Anfang an greifbar und ich war ein großer Fan des Liebespaares.

Gegen Ende wurden einige Twists und Turns ein wenig zu hektisch und überstürzt und manche Zusammenhänge kamen ein wenig lose und willkürlich daher. Dies ist mir vor allem bei der Betrachtung des zeitlichen Verlaufs aufgefallen (nicht nur rückblickend, sondern bereits während der Lektüre): mal verging die Zeit in der Geschichte mal schneller, mal langsamer – es kommt zu zeitlichen Verzerrungen und es mangelt an zeitlichen Orientierungspunkten. Das hat mich leider ein wenig auf die Palme gebracht.

Der Weg zum Ende war ein erzählerisch insgesamt ein bisschen sehr holprig und manchmal verlor ich den roten Faden aus den Augen. Nichtsdestotrotz hat mir der Ausgang der Geschichte sehr zugesagt und wenn ich ehrlich bin: Jeder andere Ausgang hätte mich enttäuscht. Und obwohl der Ausgang ab einem gewissen Punkt der Handlung recht vorhersehbar war, hat mir dieser Umstand mein Vergnügen an der Geschichte nur wenig geschmälert.


Mein Fazit: Lektüre für Zwischendurch

Auch wenn „The Girl Who Fell Beneath The Sea“ erzählerisch keine großen Wellen schlagen konnte, war es definitiv eine sehr schöne Lektüre für Zwischendurch. Man kann sich berieseln lassen, trifft auf viele interessante Figuren, schnuppert in die koreanische Folklore hinein und wird mit einer spannenden, ansatzweise tiefgründigen Geschichte belohnt. Gerne wäre ich noch länger im Spirit Realm verweilt und hätte seine Bewohner*innen noch besser kennengelernt, aber dafür hatte das Buch zu wenig Seiten.


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