Die englische Ausgabe liegt neben einer Binde, Slipeinlagen, einem Tablettenblistern und einer Wärmflasche

[Rezension] Mut zum Blut

Mut zum Blut – Chella Quint

Die englische Ausgabe liegt neben einer Binde, Slipeinlagen, einem Tablettenblistern und einer Wärmflasche

Illustratorin: Giovana Medeiros | Originaltitel:: Own your period
Übersetzerinnen: Isabelle Brandstetter & Alexandra Jordan
Verlag: Zuckersüß Verlag | Seiten: 104
Erschienen: 2022

Kurzbeschreibung: No Shame!

Laut UNICEF menstruieren jeden Monat weltweit um die 1,8 Milliarden Menschen. Unglaublich vielen Menschen ist ein offener, vorurteilsfreier und würdevoller Umgang mit der Menstruation nicht möglich. Auf diese Umstände möchte die Autorin nicht nur aufmerksam machen, sie möchte sie ändern: In diesem Sachcomic beantwortet die Periodenexpertin und Aktivistin Chella Quint Fragen rund um die Menstruation, die einhergehenden körperlichen Veränderungen und zeigt auf, wie ein offener, gesunder und würdevoller Umgang mit der Monatsblutung möglich ist. Das Motto lautet: Period Positivity!


Meine Meinung: Rot wie Blut

Chella Quint ist eine der führenden Expert*innen zum Thema Menstruation in Großbritannien. Auf regionaler und nationaler Ebene ist sie beratend zum Thema Menstruation und Periodenarmut tätig. Im Rahmen ihrer Tätigkeit hat sie den Begriff „Period Positivity“ geprägt. Das meint einen positiven, offenen und gesunden Umgang mit der Periode – nicht nur im privaten Umfeld, sondern gesamtgesellschaftlich. Unter diesem Motto ließ die Autorin ihr Wissen und ihre Überzeugungen in diesen aufklärenden Graphic Novel einfließen.

Ich wünschte wirklich, ich hätte dieses Buch bereits als Jugendliche in meinem Bücherregal stehen gehabt. Zur Aufklärung über die Periode konnte ich in ein paar Prospekten blättern, darunter befand sich die Broschüre eines sehr bekannten Tampon-Herstellers. Besonders empowernd oder aufklärend fand ich diese Broschüre nur bedingt bis gar nicht. Ganz anders sieht es bei diesem Graphic Novel aus. Den Einstieg in dieses komplexe Thema gestaltet die Autorin ganz einfach: Sie beginnt mit den Grundlagen („The Basics“): Wer menstruiert? Was ist die Menstruation? Und was passiert dabei im Körper und vor allem wo?

Weiter geht es mit Fragen, die den persönlichen Umgang mit der Menstruation betreffen („Managing Periods“). Positiv hervorheben möchte ich an dieser Stelle besonders das Kapitel „When periods are pain“ – denn, und ich spreche hier aus Erfahrung, extrem schmerzhafte Perioden sind nicht normal und darüber sollte mehr gesprochen werden. Apropros: In diesem Zusammenhang war ich auch ganz begeistert von dem Kapitel „Asking for help“. Um Hilfe zu bitten, ist nie einfach, aber wenn es um die Gesundheit geht, sollte niemand Angst oder Scham empfinden. Um den jungen Leser*innen dies zu vereinfachen, zeigt die Autorin wie man um Hilfe bitten kann mit verschiedenen Gesprächseinstiegen.

Selbstverständlich spricht die Autorin auch das Thema Menstruation und Nachhaltigkeit an. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass die Autorin hinsichtlich der Nachhaltigkeit ein bisschen zu aufdringlich war. Damit kritisiere ich nicht, dass sie neben Plastikbinden, Slipeinlagen und Tampons auch bspw. Menstruationsunterwäsche als Alternative beschreibt – nachhaltiges Menstruieren ein gewichtiger Aspekt, besonders heutzutage – ich habe mich an dem Vorschlag gestoßen, dass man sich aus alten Klamotten Binden nähen solle. Da frage ich mich, ob diese Vorgehensweise wirklich so hygienisch ist. Denn man kennt die genaue Zusammensetzung der Materialien nicht, aus denen die Kleidung hergestellt wurde (Bleichmittel, Farben etc). Und wenn schon die kommerziellen Plastikbinden von Chemikalien nur so strotzen, will ich nicht wissen, wie es mit unserer Kleidung aus der Fast-Fashion-Industrie aussieht. Es gibt schließlich Gründe, weshalb Hersteller*innen von Periodenunterwäsche antibakterielle Materialien für ihre Produkte verwenden und sich strengsten Hygieneprüfungen unterziehen. Von der Hygiene einmal abgesehen, bezweifle ich, dass diese DIY-Binden sonderlich dicht halten. Eine Lösung für Periodenarmut sehe ich in den DIY-Binden leider auch nicht.

Ich selbst bin ein großer Fan von Periodenunterwäsche, nutze aber auch Plastikbinden und Slipeinlagen. Tampons und Menstruationstassen konnten mich bislang nicht überzeugen. Nachhaltigkeit schön und gut, wenn dann allerdings Neo-Menstruierenden ein schlechtes Gewissen gemacht wird, weil sie so viel Müll produzieren, dann hat das mMn wenig mit Period Positivity zu tun, sondern fällt eher in die Kategorie Period Shaming (und das wollen wir ja schließlich vermeiden). Wenn man anfangs lieber Plastikbinden oder Tampons nutzen möchte, weil man sich so sicherer fühlt oder man sich die Alternativen nicht leisten kann oder was auch immer, kann man später immer noch auf ein nachhaltigeres Produkt wechseln.

Im dritten Teil des Graphic Novels geht es um den gesellschaftlichen Aspekt der Menstruation („Period Positivity“). Die Autorin räumt mit Mythen rund um die Periode auf, beschreibt die negativen Auswirkungen von Period Shaming und zeigt, warum Period Positivity so wichtig ist. Überraschend fand ich, dass die Autorin so gut wie nichts zur Periodenarmut schreibt – das Thema scheint zwar an der ein oder anderen Stelle immer wieder durch, aber dafür, dass das Thema zu einem ihrer Hauptbetätigungsfelder gehört (laut der Autor*innenbeschreibung), hätte ich mehr erwartet.

Am Ende des Graphic Novels findet sich ein kleiner Guide, der 20 Schritte umfasst, um den Weg der Period Positivity zu beschreiten (kleine Schritte machen auch Mist – oder irgendwie so), sowie ein Glossar (super!) und ein Index (immer wieder nützlich!). Diese drei Teile runden das Buch perfekt ab.

Schon von den ersten Seiten an formuliert die Autorin inklusiv. Und ja, man kann es nicht oft genug erwähnen: Nicht nur Frauen menstruieren, sondern auch trans Männer, non-binary, genderfluide und intersex Personen! Auch im Gezeichneten findet sich der Inklusivitäts- und Diversitätsgedanke nicht nur angedacht, sondern praktisch umgesetzt. Toll!

Der Schreibstil ist sachlich, aber humorvoll und die Autorin bewegt sich auf Augenhöhe mit ihren Leser*innen. Man merkt, dass es der Autorin ein wichtiges Anliegen ist, sich bei diesem Thema empathisch und vertrauensvoll zu äußern. Mir kam es während der Lektüre so vor als würde ich mit einer sehr guten Freundin sprechen.

Die Illustrationen aus der Feder von Giovana Medeiros sind wirklich zuckersüß und haben das Leseerlebnis zu etwas Besonderem gemacht. Der Zeichenstil hat mir sehr gut gefallen: einfach und knallbunt, aber mit einer großen Liebe zum Detail (vor allem bei den anatomischen Abbildungen). Und obwohl das Buch mehr auf Kinder bzw. Jugendliche als Zielgruppe ausgerichtet ist, hat es mir auch als Erwachsene sehr viel Freude gemacht, einfach nur die Zeichnungen anzuschauen. Schreib- und Zeichenstil harmonieren hervorragend miteinander.

Neben dem umfangreichen Fachwissen lässt die Autorin in den Abschnitten „My Story“ auch ihre eigenen Erfahrungen einfließen. Das macht den Graphic Novel noch eine Spur persönlicher und regt auch dazu an, über die eigene Periode nachzudenken.


Mein Fazit: Man lernt nie aus!

Ein positives und empowerndes Mindset im Umgang mit der Menstruation, wie es dieser Graphic Novel auf jeder Seite vermittelt, ist unglaublich wichtig. Auch ich, mit meinen fast dreißig Jahren, bin sehr froh, dieses Buch gelesen zu haben. Man lernt nämlich nie aus! Also: lesen, lesen, lesen – mit euren Eltern, mit euren Freund*innen, mit euren Geschwistern, euren Lehrer*innen, euren Partner*innen oder wem auch immer ihr einen Gefallen tun möchtet.


Weitere Meinungen zu “Mut zum Blut” von Chella Quint

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner