[Rezension] Das Geräusch des Lichts

Titel: Das Geräusch des Lichts | Autorin: Katharina Hagena
Verlag: Kiepenheur & Witsch | Seiten: 272
Preis: HC 20€ | ISBN: 978-3-462-04932-9
Erschienen: 2016

Kurzbeschreibung
In einem Wartezimmer warten fünf Menschen darauf aufgerufen zu werden. Eine der Wartenden erfindet die Lebensgeschichten der anderen Wartenden. Da ist zum Beispiel Daphne Holt, Botanikerin. Sie ist auf der Suche nach ihrer Freundin und stößt bei ihrer Suche auf ein wohlgehütetes Geheimnis. Der Musiker, der den letzten Wunsch seiner verstorbenen Frau erfüllt. Richard, der auf der Suche nach seiner Mutter und seiner Schwester ist. Die Erzählerin erfindet die Geschichte einer alten verwirrten Dame und zum Schluss auch ihre eigene Geschichte, einen Thriller, der ein unerwartetes Ende nimmt.

Meine Meinung
Auf dieses Gedankenexperiment hat sich bestimmt schon jeder mindestens einmal im Leben eingelassen. Es muss nicht im Wartezimmer gewesen sein. Vielleicht in einem Café während man auf seine Begleitung wartet; beim Anstehen im Supermarkt oder in der Postfiliale. Ist die Person verheiratet, arbeitet sie beim Bäcker oder ist sie Versicherungsvertreter? Die Autorin spinnt dieses Gedankenexperiment zu Ende und schafft aus ihrer Fantasie fünf kleine Kunstwerke, die ein großes Ganzes ausmachen, ein Mosaik. Es sind fünf kleine Geschichten mit ganz großen Figuren. Dieser Roman ist ein positives Beispiel dafür, was passiert wenn die Fantasie mit einem durchgeht.

Für mich geht es mehr oder weniger darum, was wir in uns selbst sehen und was von uns sehen wir in den anderen Menschen? Was sehen die anderen in uns? Was ist Realität und was ist Fantasie (erinnert mich ein bisschen an Pirandellos Sechs Personen suchen einen Autor)? Von diesen Überlegungen zeugen besonders die Abschnitte zwischen den einzelnen Geschichten, die mir auch gefallen haben und mich teils nachdenklich gestimmt haben.

Die Autorin beweist immer wieder ihre Liebe zum Detail. Damit meine ich nicht, dass sie besonders langatmig schreibt oder alles bis in jede Kleinigkeit beschreibt. Die Motive, die Figuren, die Orte: Alles und jeder nimmt überall eine andere Rolle ein und bleibt doch unverändert. Die Autorin widmet jeder Person dieselbe Aufmerksamkeit und passt ihren Schreibstil der Person und ihrem (Gefühls)Leben an; mal herrscht Ruhe, mal Chaos, mal Ratlosigkeit. Jede Geschichte erscheint wirr und ausgefallen, aber gerade dies macht ihren Charme aus. Besonders die letzte Lebensgeschichte, die der Erzählerin, verwischt in besonderem Maße die Grenzen zwischen Realität und Fantasie. Um ehrlich zu sein, habe ich ihre Erzählung jedoch am unpersönlichsten empfunden. Zwar ist der Thriller geschickt eingefädelt, aber so ganz überzeugen konnte es mich nicht. Am besten gefallen, hat mir die Lebensgeschichte von Daphne Holt. Als Einstieg in dieses Mosaik-Gebilde fand ich es genial. Auch die Geschichte von Richard, seiner Suche nach Mutter und Schwester und seiner Flucht in seine Fantasiewelt fand ich berührend.

Fazit & Empfehlung
Diesen Roman möchte ich denjenigen empfehlen, die so unzusammenhängende aber doch irgendwie zusammenhängende Erzählungen mögen und dabei sehr aufmerksam lesen. Ihr müsst Geduld mitbringen, damit ihr die versteckten Andeutungen und Verbindungen entdeckt und versteht, da ansonsten der Zauber dieses Romans verloren geht. Mir hat ‚Das Geräusch des Lichts‘ sehr gut gefallen. Übrigens habe ich jetzt große Lust bekommen, mal nach Kanada zu reisen. Ach ja…