Buch und Cover liegen auf einem fast verdeckten Ultraschallbild.

[Rezension] Mama

Mama – Jessica Lind

Buch und Cover liegen auf einem fast verdeckten Ultraschallbild

Verlag: Kremayr & Scheriau | Seiten: 192
Erschienen: 2021

Kurzbeschreibung

Amira wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind. Doch als sich ihr Wunsch schließlich erfüllt, verdrängen Ängste und Sorgen die Vorfreude auf ihr Kind und auf eine unbeschwerte Mutterschaft. Als sie mit ihrem Partner Josef eine verlassene Waldhütte aufsucht, um die letzte Zweisamkeit vor der anstehenden Geburt zu genießen, droht sie sich immer weiter in surrealen und albtraumhaften Vorstellungen und Ereignissen am Rande von Wahnsinn und Realität zu verlieren.


Meine Meinung

Bücher, die sich mit dem Thema Kinderwunsch beschäftigen, findet man immer mal wieder auf meinem Blog. Mit dem Debütroman „Mama“ reiht sich ein weiteres Buch in diese Themenreihe ein. Allerdings geht es in dem Roman primär um die Mutterschaft an sich: Einerseits geht es um Verantwortung, Verzicht, um Selbstaufgabe und Einsamkeit. Andererseits geht es auch um bedingungslose Liebe, um emotionalen Reichtum und um persönliches Wachstum. Und dann geht es noch um all die Facetten dazwischen.

Mutterschaft, ein Albtraum – so hatte es sich die Protagonistin Amira ganz sicher nicht vorgestellt als sie kurz davor steht, ihr Kind endlich in den Armen zu halten. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als eine kleine Familie, aber als es dann fast so weit ist, verliert sie sich. Sie verliert sich wortwörtlich mitten im Wald, in der nähe der Waldhütte ihres Partners, in der sie ihren letzten gemeinsamen Urlaub zu zweit verbringen wollen. Doch sie verliert sich auch im übertragenen Sinne: In Zweifeln, Ängsten und Sorgen, die in ihrem Kopf, im Wald, in der Hütte und in einem Märchenbuch auf sie lauern.

Jessica Lind kreiert in ihrem Roman eine düstere und bedrückende Parabel auf die Mutterschaft, zeigt deren Auswirkungen und hinterfragt diese indirekt, ohne offensichtliche Fragen zu stellen. Bei der Auseinandersetzung bleibt die Autorin nicht an der Oberfläche, sondern sucht sich einen Weg tief hinein in den Kopf und in die Gedanken der Protagonistin. Dazu greift die Autorin nicht mal auf eine übertrieben bildliche oder künstlerische Sprache zurück.

Die Autorin lässt ihre Protagonistin die Grenzen zwischen Raum und Zeit, zwischen Realität und Fantasie, zwischen Verstand und Wahnsinn, zwischen dem, was gesagt werden und dem, was nur gedacht werden darf, übertreten. Um mal auf der einen, mal auf der anderen Seite derselben Medaille aufzutauchen.

Erzählerisch erscheint alles ausweglos, bedrohlich und albtraumhaft: Gefühle wie Verzweiflung, Angst, Einsamkeit und Hilflosigkeit herrschen vor. Wichtiger Bestandteil der Handlung ist der subtile, aber auch teilweise explizite Horror, der die Protagonistin und ihre Psyche unter Druck setzt und Unbehangen und Grusel beim Lesen aufsteigen lassen.

Die Erzählung wird gelegentlich abstrakt und surreal, es kommen teilweise seltsame erzählerische Sprünge vor, die mir die Orientierung nahmen und mich dann und wann aus dem Lesefluss und aus der Geschichte rissen. Auch ich wusste irgendwann nicht mehr, was Realität und was Fantasie ist. Der Autorin ist es gelungen, mich in diesen Strudel aus (Un)Wirklichkeit mitzureißen und mich nach Luft schnappen zu lassen.

Dieser Roman mit seiner verzerrten, surrealen Handlung lässt unterschiedliche, ambivalente Interpretationen zu: nicht nur negative, sondern auch positive. Denn es gibt auch Hoffnungsschimmer in diesem Dickichtsgraus aus Ängsten und Sorgen um das (Nicht-)Mutter-Sein-Wollen und -Können im dunklen Lebenswald. Man liest auch von Mut, von bedingungsloser Liebe, von emotionalem Reichtum und persönlichem Wachstum. Passend zu dieser Ambivalenz interpretiere ich auch die unterschiedliche Covergestaltung von Bucheinband und -umschlag. Aber trotz alledem zeichnet der Roman ein mehrheitlich negatives Bild der Mutterschaft und vielleicht hat mir der Roman gerade deswegen auch so gut gefallen.

In ihrer Danksagung erwähnt die Autorin ihre Kollegin Tanja Raich. Tanja Raich ist ebenfalls Autorin und zwar des Romans „Jesolo“, den ich auch schon gelesen (und rezensiert) habe. Nicht nur thematisch, sondern auch stilistisch und erzählerisch ähneln sich die beiden Romane sehr, auch wenn jeder Roman für sich ganz anders ist.


Mein Fazit

Mutterschaft: Wunschtraum oder Albtraum? Es gibt nur wenige Fragen, die so dermaßen persönlich sind wie diese. Und wer hat behauptet, dass es ein Entweder-Oder sein muss? Jessica Lind hat mit ihrem Roman „Mama“ eine komplexe, außergewöhnliche und grenzüberschreitende Erzählung zum Thema Mutterschaft und Kinderwunsch vorgelegt, die mich zunächst ein bisschen unschlüssig zurückgelassen hat. Aber es ist eine Geschichte, die nachwirkt und sich im Nachgang erst entfaltet. Absolute Leseempfehlung!


Weitere Meinungen zu “Mama” von Jessica Lind

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