Der Astronaut – Andy Weir
Verlag: Heyne Verlag | Seiten: 560 Originaltitel: Project Hail Mary | Übersetzer*in: Jürgen Langowski Erscheinungsjahr: 2023 |
Kurzbeschreibung
Als Ryland Grace erwacht, kann er sich an nichts erinnern: Nicht an seinen Namen, nicht daran, dass er die Erde und die Menschheit retten soll und sich deshalb an Bord eines Raumschiffs befindet, das durch die Weiten des Universums trudelt – mit einem ganz bestimmten Ziel. Als die Erkenntnis langsam dämmert, sieht er sich einem unmöglichen Rätsel gegenüber, das er ganz allein lösen muss. Oder vielleicht doch nicht?
Meine Meinung
Um mich für den Kinobesuch mit einer Freundin, die von dem Roman sehr geschwärmt hatte, gebührend vorzubereiten, habe ich mich guter Dinge auf diese Lektüre gestürzt. Am Ende stehe ich da, mit gemischten Gefühlen, nicht sicher, wo ich mich zwischen „amaze, amaze, amaze“ und „bad, bad, bad“ befinde.
Eigentlich hat dieser Roman alles, was es für eine spannende Sci-Fi-Lektüre braucht: einen (auf den ersten Blick) halbwegs annehmbaren Protagonisten, ein wissenschaftliches Mysterium, das es zu lösen gilt, einen interessanten und vielschichtigen Plot und Weltraumaction. Aber irgendwie, irgendwie hat mich die Geschichte nicht so ganz umgehauen. Und ich glaube, das lag an zwei Dingen: Am Protagonisten Ryland Grace und daran, wie sich bestimmte Ereignisse im letzten Viertel der Handlung abgespielt haben (Stichwort: Plothole). An beidem hatte ich ziemlich zu knabbern.
Fangen wir mit dem Protagonisten Dr. Ryland Grace an, der ohne Gedächtnis auf einem Raumschiff erwacht und so gar nicht mit seinen neuen Lebensumstände klarkommt – soweit, so verständlich und wenig verwunderlich. Erst nach und nach erfährt man als Leser*in, gleichzeitig mit Grace, wie er auf dem Raumschiff gelandet ist. Dass der*die Leser*in genauso unwissend ist wie der Protagonist, entfaltete eine gewisse Sogwirkung.
Zu Beginn war mir Grace noch ganz sympathisch: Ich hatte Mitgefühl mit ihm und seine inneren Monologe, in denen er mittels Ironie, Humor, dem Fokus auf Belanglosigkeiten, die Abwertung seiner Emotionen und Verharmlosung seiner Situation als humorvollen Coping-Mechanismus umzugehen versucht, waren ja fast amüsant. Aber irgendwann wurde die Diskrepanz zwischen der Realität und seiner Wahrnehmung anstrengend, immer weniger lustig, und ich war nur noch genervt. Noch dazu wurde im Verlauf deutlich, dass er diese typische weiße, arrogante, amerikanische Heldenfigur verkörpert und darüber hinaus nicht viel zu bieten hat. Noch dazu wird schnell klar, dass Grace alles kann, alles weiß und er eigentlich nie wirklich in Gefahr ist. Noch dazu kann er sich eine ihm vollkommen fremde Sprache innerhalb weniger Tage aneignen, sie fließend sprechen und benimmt sich hinsichtlich dieser ihm unbekannten Kultur auch noch als übergeordnet. Ja, klar, was gibt es Größeres, Klügeres und Besseres als den weißen Mann? Okay. Aber teilweise wurde es auch einfach unangenehm: Ja, klar, Kolumbus hat Amerika wirklich entdeckt, und der „bunch of people“ (also die Ureinwohner) würde nicht zählen. Alles klar, wenn 90 Millionen Menschen nur ein „bunch“ für dich sind…
Was zu Beginn komisch und interessant war; was als Pageturner begann, wurde nervig und anstrengend. Dabei waren seine Recherchen nach einem Mittel, die Welt zu retten doch wirklich spannend. Aber auch hier bin ich zwiegespalten: Die seitenlangen, theoretischen und wissenschaftlichen Abhandlungen zu irgendwelchen chemischen, physikalischen und mathematischen Spezifika zogen die Handlung in die Länge. Ich denke, wenn man als Leser*in auf diese Art Inhalte steht, dann würde die Bewertung anders ausfallen. Aber ich fand sie langweilig, weil ich sie nicht verstehen oder nachvollziehen konnte. Es wurde einfach mühselig. Mir blieb nichts anderes übrig, als den ganzen Berechnungen und Behauptungen zu glauben; und sowas mag ich gar nicht. Anfangs war es sogar noch recht nachvollziehbar verfasst, aber mit Fortschreiten der Geschichte driftete es in einen Kauderwelsch ab.
Das Licht am Horizont war Rocky: „Amaze, amaze, amaze“! Wer genau Rocky ist, verrate ich nicht. Diese Nebenfigur ist mir sehr stark ans Herz gewachsen und sein Schicksal hat mich viel mehr interessiert und mitgenommen als das von Grace und unserer Erde. Rocky hat einiges von dem wieder wett gemacht, was Ryland Grace verbrochen hat. Rocky hat Grace aushaltbar gemacht. Wenn es Rocky nicht gegeben hätte und ich diese 450 Seiten nur mit Grace hätte aushalten müssen, weiß ich nicht, was ich getan hätte.
Nun zu meinem zweiten Ärgernis: Der Ablauf bestimmter Ereignisse im letzten Viertel des Romans. Ein dicker, fetter Logikfehler oder ein absichtlicher Plothole, damit der Rest der Handlung und das Ende sich wie geplant abspielen können? ich weiß es nicht. Dieser Plothole stand auch einfach im Widerspruch mit Graces Brillianz, seinem Allwissen und Alleskönnen. Dieser Plotpunkt bereitet den Moment vor, der die die Handlung von plot-driven zu character-driven verwandelt und man die wahre Größe (*hust*) und wahre Charakterentwicklung Graces erkennen kann. Insgesamt gut gemacht und spannend, klar, aber mich hat es einfach auf die Palme gebracht, sodass ich die restliche Handlung nicht mehr so richtig genießen konnte.
Was mir auch sehr gut gefallen hat, war die Art und Weise, wie der Autor schrittweise die Hintergrundgeschichte zu Graces Schicksal auf dem Schiff enthüllt. Als Leser*in weiß man zu Beginn der Lektüre genauso viel bzw. wenig wie Grace. Nach und nach erfährt man zur selben Zeit, wie Grace, wie alles miteinander zusammenhängt. Man erfährt von der Entdeckung der Gefährdung der Erde durch die Sonnenflecken; wie die gesamte Weltbevölkerung und alle Regierungen der Erde vereint und friedlich (als ob!) mit einer Frau als Anführerin (ja, genau!) an einer Lösung arbeitet. Bei gewissen Enthüllungen – vor allem gegen Ende – hatte ich das Gefühl, dass meine Reaktionen und die von Grace zu sehr auseinandergingen. Von mir gab es einen entsetzten Ausruf und von Grace nur ein Schulterzucken.
Inzwischen habe ich auch den Film gesehen, und ich muss sagen, dass ich den Film besser fand (was für ein Sakrileg, ich weiß!). Fast alle meine Kritikpunkte wurden im Drehbuch ausgehebelt und ich hatte insgesamt mehr Freude an der Geschichte. Rocky haben sie sogar noch besser getroffen, als ich ihn mir vorgestellt habe. Amaze, amaze, amaze!
Mein Fazit
„Der Astronaut” von Andy Weir hat mich unterhalten, obwohl es nicht das Meisterwerk war, das man mir angepriesen und versprochen hat. Es ist gute Science-Fiction, aber auch nur wegen Rocky! Es ist okay, okay, okay.
Weitere Meinungen zu “Der Astronaut” von Andy Weir
- Rezension von Lesering
- Rezension von Buchleserin
- Rezension von Ringbote



