Das Buch liegt auf einem "Mensch-ärgere-dich-nicht"-Spielbrett mit umgeworfenen Spielfiguren und Würfeln.

[Rezension] Gesellschaftsspiel

Gesellschaftsspiel – Dora Zwickau

Das Buch liegt auf einem

Verlag: Piper Verlag | Seiten: 288
Erscheinungsjahr: 2025

Kurzbeschreibung

Über die Jahre sind sich die Schwestern Isabelle und Annika fremd geworden und die Familienbande untereinander und zu ihrer Tante Dagmar sind lasch geworden. Doch der Schlaganfall ihrer Mutter führt die beiden Schwestern in Weimar wieder zusammen. Auch ihre Tante Dagmar findet ihren Weg zu ihren Nichten zurück. Der Schicksalsschlag wird von einer Mediensensation übertönt: Ein Tech-Investor möchte per App die Demokratie revolutionieren und die Testphase soll in Weimar stattfinden, dort wo die drei Frauen versuchen, sich langsam wieder aneinander zu gewöhnen. Isabelle, Annika und Dagmar werden in die öffentliche Debatte hineingezogen und sie müssen herausfinden, wie sie zu dem Demokratie-Neustart stehen.


Meine Meinung

„Gesellschaftsspiel“ von Dora Zwickau ist ein Gedankenexperiment, dass noch zu sehr in der Theorie und im Denken verhaftet ist. Es ist ein Experiment, dass bedächtig konstruiert wurde und dabei zu weit entfernt von einem Alltagsbezug bleibt. Die Dystopie bleibt blass.

Der Roman liest sich teilweise wie eine fiktionalisierte wissenschaftliche Abhandlung zur Soziologie und Politikwissenschaft mit einer Prise persönlichem Schicksalsschlag. Der Roman erinnert mich an eine dieser Frage, die am Ende eines wissenschaftlichen Vortrags gestellt werden und die im selben Atemzug in eine monologhafte Antwort ausartet.

Dabei hatte die Idee rund um den Demokratie-Neustart per App und dann auch noch in Weimar wirklichen viel Potenzial: Per App die Demokratie lenken – was kann da schon schief gehen? Sehr viel, wie man nach der Lektüre weiß. Aber es ist der Autorin nicht gelungen, den dystopischen Gedanken in der Realität ankommen zu lassen.

Ich denke, dass der Klappentext einiges an der Handlung überdramatisiert, übetreibt, was sich so zwischen den Seiten gar nicht niederschlägt. Ich hatte das Gefühl, dass das Experiment, bis auf bestimmte individuelle Auswirkungen, die durchaus Gewicht hatten, konsequenzlos blieb. Vielleicht liegt es daran, dass von Anfang an klar war, dass es eben nur ein Experiment, ein Test ist. Auch der Ausmaß der Mitbestimmung per App hielt sich in Grenzen. Eskaliert ist nicht das Experiment, sondern die Menschen.

Die drei Frauen blieben mir fern: Trotz der berührenden persönlichen Schicksalsschläge, die sie nahbar machen sollten, hatte ich das Gefühl, dass sie bloße funktionale Rolle spielten. Dagmar, die Akademikerin; Isabelle, die Lehrerin; Annika, aus der US-amerikanischen Wirtschaft. Ich blieb reine Beobachterin und fühlte mich nicht Teil dieser doch aufregenden Weimarischen Veränderungen. Ich hatte nicht das Gefühl, irgendwas davon würde mich betreffen.

Und um ehrlich zu sein, war auf den Seiten auch echt viel los: Der Schlaganfall und Tod der Mutter bzw. Schwester, der die drei Frauen zusammenführt; der Jugendkonflikt zwischen den Schwestern, der wieder aufbrodelt; eine Essstörung; der Umgang mit Neurodiversität der Tante; Vergangenheitsbewältigung und Radikalisierung in der Familie; Deepfakes und Abtreibung; der übergriffige, manipulierende und kontrollierende (Ex-)Partner. Zwischen all dieser Themen und Ereignisse konnte man sich gar nicht auf den demokratischen Neustart (oder Untergang?) konzentrieren. Da hatte The Syndicate gar keine Chance.

Die Ausschnitte aus den fiktiven Podcasts, Livestreams und Social Media Posts, die das Ausrollen von The Syndicate begleiten, waren einerseits realistisch und glaubhaft umgesetzt, andererseits wirkten sie auch kontextlos und willkürlich. Die historischen und geografischen Fingerzeige (Stichwort: Weimar) sind zwar interessant, spitzfindig und zeigen, dass der Roman gut durchdacht ist, sind aber möglicherweise zu subtil als dass man sie bemerken könnte.

Der Ton der Diskussionen rund um The Syndicate war sehr intellektuell, akademisch und aus dem Elfenbeinturm heraus geschrieben. Die „wissenschaftliche Konferenz“ aka. der Saunabesuch zum Abschalten und Entspannen, war ein bisschen drüber. Ich habe auch noch nie eine so überengagierte und wissenschaftlich arbeitende und denkende 11. Klasse gesehen. Der Roman war voller unrealistischer und übertriebener Projektionsflächen, die den Diskurs rund um die App und ihre Auswirkungen auf die Demokratie künstlich am Leben erhalten sollten.

Versteht mich nicht falsch: Die Ausführungen, Diskussionen und Argumente fand ich interessant, schlüssig und aktuell. Blickt man auf unsere Gesellschaft, dann trifft das alles auch ins Schwarze, aber leider klang der Roman zu sehr nach wissenschaftlich konstruierten Inhalten.


Mein Fazit

„Gesellschaftsspiel“ von Dora Zwickau verfolgt eine spannende Idee, schafft es aber nicht diese lebendig zu machen. Vieles bleibt vage, abstrakt und sehr intellektuell bzw. akademisiert. Einiges ist überfrachtet. Wer nach einer spannenden Dystopie sucht, ist hier leider nicht ganz an der richtigen Adresse. Eingeschränkte Leseempfehlung.


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