[Rezension] Der Buchspazierer

Der Buchspazierer – Carsten Henn

Buch mit hellgrünem Cover: im unteren Bereich ist ein alter Mann mit Gehstock neben einem jungen Mädchen in gelber Jacke auf einer Parkbank abgebildet; im oberen Bereich des Cover ist ein Bücherstapel mit alten, in Leder gebundenen Büchern abgebildet. in der Mitte steht in orangefarbener Schrift

Verlag: Piper Verlag | Seiten: 224
Erschienen: 2020

Kurzbeschreibung
Der in die Jahre gekommene Buchhändler Carl Kollhoff bringt besonderen Kunden und Kundinnen ihre bestellten Bücher auf einem allabendlichem Spaziergang nach Hause. Bis sich ihm eines Tages das Mädchen Schascha anschließt und nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Kunden und Kundinnen gehörig durcheinander bringt.


Meine Meinung
Zugegeben, man kann mich sehr leicht mit Büchern ködern, die die Wörter „Bücher“, „Buchhandlung“ oder „Antiquariat“ im Titel tragen. Die nehme ich wie von selbst in die Hand, darauf ist mein Gehirn programmiert und mein Herz sowieso. Und genauso ergab es sich, dass ich „Der Buchspazierer“ für mich entdeckte. Bücher und Spazieren sind momentan auch irgendwie meine einzige Freizeitbeschäftigung.

Mit seinen knapp 200 Seiten war es genau die Auszeit, die ich brauchte. Eine wirklich kurzweilige, putzige und herzerhebende Lektüre (mit einem nicht ganz zu vernachlässigenden ernsten Unterton) für Zwischendurch. Ich habe den Roman an einem Tag heruntergelesen.

Mit dem Buch gelang es mir, einfach mal abzuschalten und die rücksichtlose und immer verrückter werdende Außenwelt zu vergessen. In diesem Roman geht es nicht nur um die Liebe zu Büchern, sondern auch um Freundschaft, Solidarität, Zusammenhalt und Nächstenliebe. Berührt hat mich hier ganz besonders die Idee der sozialen Familie (also Freunde und Kollegen), die für den ältlichen Protagonisten eine ganz entscheidende Rolle spielt. Die Bücher und die Leseleidenschaft sind in dieser Geschichte der Kleber, der alles zusammenhält. In Büchern ist die Welt eben noch in Ordnung.

Oder zumindest fast, denn ein paar „Bösewichte“ gibt es auch in dieser Geschichte. Aber auch einigen von ihnen ist schnell verziehen. Ganz allgemein fand ich die Figuren alle sehr charmant. Auch die Idee jeder einzelnen Person eine literarische Figur an die Seite zu stellen, fand ich sehr gewitzt. Da stellte sich natürlich sofort die Frage, welche literarische Figur zu mir passen würde. Falls da jemand eine Idee hat, kann er/sie sich gerne bei mir melden. Die Figuren erschienen mir äußerst lebendig, was vor allem durch ihre exzentrischen und liebenswürdigen Eigenschaften bewirkt wird. Ein paar Fragezeichen hatte ich hinsichtlich Herkules und seiner schwarz-weiß-roten Wohnzimmereinrichtung? Was es damit auf sich hat, kann ich nicht beantworten – ich hoffe allerdings, dass sie nicht das zu bedeuten hat, was ich denke.

Der grobe Handlungsverlauf war relativ offensichtlich, aber darüber konnte ich hinwegsehen. Hier und da gab es ein paar schöne Wendungen und das kreative Ende hat mich positiv überrascht. Der Roman spricht auch einige wichtige, gesellschaftskritische Punkte an: häusliche Gewalt, Analphabetismus, Altersarmut und -einsamkeit und den schwierigen wirtschaftlichen Stand von lokalen Buchhandlungen. Daher der anfangs erwähnte ernste Unterton. Sowieso hat die Geschichte einen sehr aktuellen Bezug: Als im letzten Jahr (zu Beginn der Corona-Krise) die Buchhandlungen schließen mussten, wurden die Buchhändler:innen kreativ: Sie begannen Bücher an ihre Kund:innen auszutragen, ob zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Die Geschichte ist also nicht nur eine Ode an Bücherliebhaber:innen, sondern auch an Buchhändler:innen, die mit ganzem Herzen bei der Arbeit sind.

CN Diskriminierung
Ganz ohne Klischees kommt der Roman leider nicht aus. Da gibt es einmal die „vollblütige Halbkubanerin“ (S. 141), den Take, dass Jungs Mädchen schubsen, wenn sie sie mögen (à la Jungs zeigen keine Gefühle) (S. 127) oder, dass selbstbewusste Mädchen keine rosafarbene Kleidung tragen (S. 68). Auch einige Formulierungen fand ich diskriminierend, wenn nicht sogar rassistisch, wie z.B. der Vergleich der Hautfarbe einer Schwarzen Person mit einem Lebensmittel (S. 138). Das hätte man besser lösen müssen. Dafür gibt es einige Minuspunkte.


Mein Fazit
„Der Buchspazierer“ von Carsten Henn ist eine seichte Lektüre für Zwischendurch mit ganz viel Herz für Bücher, ihre Geschichten und ihre Leser:innen. Wer mal eine Verschnaufpause braucht, liegt mit diesem Buch goldrichtig. Großer Minuspunkt: der diskriminierende Sprachgebrauch. Wenn der nicht wäre, könnte ich diesen Roman ohne schlechtes Gefühl zu 100% empfehlen. So kann ich leider nur eine eingeschränkte Leseempfehlung aussprechen. Schade!


Weitere Meinungen zu “Der Buchspazierer” von Carsten Henn

2 Kommentare

  1. Liebe Wiebke,
    ich freue mich sehr, dass du unter deiner schönen Buchbesprechung von “Der Buchspazierer” auch auf die entsprechende Rezension auf meinem Blog verlinkst! Vielen lieben Dank dafür und viele Grüße,
    Anne (Von Buch zu Buch)

    1. Liebe Anne, danke für Deinen Kommentar. Ich finde, wenn man die Möglichkeit hat, sich untereinander zu unterstützen, sollte man das auch tun. 🙂

      Ich war mir wegen des diskriminierenden Sprachgebrauchs unsicher, wie ich das Buch bewerten und empfehlen soll. Nachträglich habe ich die Rezension noch überarbeitet. Ich hoffe, Du bist dennoch mit der Verlinkung einverstanden.

      Liebe Grüße
      Wiebke

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