[Rezension] Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek

Titel: Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek | Autor: David Whitehouse
Original: Mobile Library | Übersetzerin: Dorothee Merkel
Verlag: Klett-Cotta | Seiten: 315
Preis: HC 20€ | ISBN: 978-3-608-50148-3
Erschienen: 2015

Kurzbeschreibung
Bobby Nusku ist ein einsamer Junge: er lebt zusammen mit seinem Vater und dessen Lebensgefährtin, sein einziger Bezugspunkt ist sein bester Freund Sunny und Bobby verbringt seine Freizeit damit, die Spuren seiner Mutter zu suchen und zu katalogisieren. Doch als sein bester Freund wegzieht und er Rosa und ihre Mutter Val kennenlernt, gerät sein Leben aus den Fugen. Der Kitt, der schlussendlich alles zusammenhält, sind Bücher, eine Reise in einem Bücherbus und eine tiefe und ehrliche Freundschaft zu Rosa, Val und Joe.

Meine Meinung
Während der ersten Kapitel war ich recht perplex und wusste das Gelesene nicht richtig einzuordnen. Der Roman fängt ganz bizarr an, in medias re, und zwar mit dem Ende – oder das von dem man denkt es sei das Ende. Dieser Einstieg vermittelt ein verkehrtes Bild von Bobby Nusku und der erwachsenen Frau. Und schneidet damit ein ganz sensibles Thema an. Hm, moment, ging es nicht eigentlich um eine gestohlene Bibliothek, und nicht um die Beziehung zwischen einer erwachsenen Frau und einem Kind? Jetzt, nachdem ich das Buch beendet habe, denke ich, dass der Autor ein Genie ist – denn es geht um beides, aber anders es zunächst scheint. 

Es ging noch eine Weile bizarr weiter: mit Sunny und Bobby und ihrem gemeinsamen Cyborg-Vorhaben. Auch hier habe ich stark am Buch und am Autor gezweifelt. Aber ich ließ nicht locker und nach und nach verflogen die Zweifel. Ich schloss Bobby, Val, Rosa und schließlich auch Joe in mein Herz. Es sind seltsame, eigene, chaotische aber durch und durch liebevolle Figuren, die diese Geschichte bevölkern. Trotz ihrer vielseitigen Probleme, halten sie zusammen und zeigen wie eine Gemeinschaft funktioniert. Sie zeigen wie wichtig bedingungslose Liebe ist und lassen sich dabei weder von der Gesellschaft, der Polizei, Bobbys Vater oder dem Baron unterkriegen.

Die Rolle des Bücherbusses und der Bücher fand ich zauberhaft. Bücher nehmen einen mit auf eine Reise. Diesen Aspekt durch den Bücherbus zusätzlich noch zu unterstreichen – hach, da geht einem ja das Herz auf. Ich fand es toll, wie die von den Kindern gelesenen Bücher die Handlung beeinflussen und formen. Bücher sind eben doch die beste Anleitung für das Leben. Man muss nur die richtigen Bücher lesen ;-).

Wie eingangs bereits erwähnt, behandelt der Roman sehr delikate Themen (Gewalt in der Familie, Tod, Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern, das Vorschnelle Urteil einer Gesellschaft etc.), und das erfolgreich und mit viel Feingefühl. Der Autor findet das richtige Gleichgewicht zwischen Ernst und Spaß, wobei die humorvolle Komponente hauptsächlich dadurch bedingt ist, dass die Erzählung eine eher naive und kindliche Perspektive einnimmt. Diese Art der Erzählperspektive fordert den Leser heraus, denn die Tragweite der Geschehnisse können von der Kindlichkeit der Erzählung, nämlich Bobby, nicht richtig erfasst werden. Die Konsequenzen werden nur in unseren Köpfen klar, der Leser sorgt und bangt, während im Roman scheinbare Sorglosigkeit vorherrscht. Doch auch das bleibt nicht die ganze Zeit so. Außerdem hat man stets das erste Kapitel im Kopf und man hofft auf ein gutes Ende, man hofft, dass das nicht das Ende war; dass der Autor einen Fehler gemacht hat.

‚Die gestohlene Bibliothek‘ ist eine Geschichte mit Echo, die den Leser eine Weile begleitet, ihn bewegt und nachdenklich stimmt. Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Es hat eine auf den ersten Blick nicht erkennbare dichte Handlung mit einer interessanten und erfrischenden Erzählweise und -struktur. Außerdem ist es eine Liebeserklärung an mein allerliebstes Hobby – das Lesen.

Mein Fazit
Wer sich durch die ersten Kapitel friemelt, hält sehr bald einen ganz besonderen Schatz in den Händen. Absolute Leseempfehlung an alle Bücherwürmer, die mal wieder auf Reisen gehen wollen.

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