[Rezension] Anonym

Anonym – Ursula Poznanski & Arno Strobel

Verlag: Wunderlich (Rowohlt Verlag) | Seiten: 384
Preis: HC 19,95€ | ISBN: 978-3-8052-5085-6
Erschienen: 2016

Kurzbeschreibung
Bei ihrem ersten gemeinsamen Fall müssen sich die Kommissare Daniel Buchholz und Nina Salomon mit einem hinterhältigen, anonymen Killer befassen, der seine Opfer auf perfide Art und Weise auswählt: Im Darknet-Forum ‘Morituri’ können User eine Person vorschlagen, die ihnen zuwider ist. Aus diesem Pool von möglichen Opfern wählt der Mörder die Kandidaten aus und lässt die User darüber abstimmen, wer den Tod am meisten verdient hat. Für Buchholz und Salomon beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit und auch gegen ihre eigenen Geister der Vergangenheit.

Meine Meinung
Was war denn das? Ich bin immer noch ziemlich geplättet. Ganz zu Beginn war ich wirklich skeptisch und war auch versucht, das Buch beiseite zu legen – aber zum Glück habe ich es nicht soweit kommen lassen. Ein wahres Jahreshighlight hatte ich mit dem Thriller ‘Anonym’ in den Händen.

Der Grund dafür, dass ich es beinhahe abgebrochen hätte (mein größter und eigentlich einziger Kritikpunkt) ist der, dass der Thriller in der 1. Person erzählt wird, und dann auch noch im Präsens. Für mich eine der schlimmsten Kombinationen, die es gibt. Man gewöhnt sich zwar recht schnell dran, aber es bleibt einfach eine unpassende Erzälperspektive für einen Thriller. Ich hatte große Probleme mich in Salomon und Buchholz hineinzufinden. Interessant fand ich den Kontrast zwischen der Haupthandlung, geschildert aus der Sicht von Buchholz oder Salomon, und der Sequenzen, geschildert aus der Perspektive des Täters in der 3. Person. Mit diesem Perspektivwechsel weist der Thriller eine interessante Dynamik auf.

Die Themen, mit denen sich der Roman beschäftigt, bergen unglaublich viel Potential. Dieses wurde von den Autoren erkannt und maximal ausgeschöpft: Schuld(frage), Moral, Darknet, Internet, Anonymität und Manipulation der Massen. All das ist brandaktuell und lässt einen potentiellen Leser auftauchen – so ist es mir zumindest ergangen. Immer häufiger drängte sich mir die Frage auf: Was würde ich tun? Die Gruppendynamik, die die Autoren im Forum Morituri beschreiben, ist durchaus glaubwürdig und deshalb so erschreckend, ja fast gruselig.

Die Handlung war sehr intensiv und rasant. Zu keinem Zeitpunkt langweilig oder verwirrend. Es war eben ein richtiger Thriller samt Einladung zum Rätselraten. Und das ‘coole’ Ermittlerduo war gar nicht so cool, sondern ziemlich menschlich (was bei Serien wie CSI Miami oft in Vergessenheit gerät), mit jeder Menge emotionalem Ballast (puh). Die Kennenlerndialoge und Zänkereien zu Beginn kamen mir leider etwas zu erzwungen bzw. gestelzt vor. Auch wenn die beiden mir nicht auf Anhieb sympathisch waren, möchte ich trotzdem mehr von ihnen lesen.

Eine weitere Figur, die mich ziemlich fasziniert hat, war Trajan. Er ist zwar krank aber genial. Krass, was für ein Monster den Autoren aus der Feder gekrochen ist. Auf so eine Figur muss man erstmal kommen.

Die Beschreibungen der Hinrichtungen waren auch nicht ohne. Die waren sehr eindrucksvoll und eindringlich beschrieben. Ich hatte fast das Gefühl selbst zu einem Gaffer geworden zu sein. Es war teilweise sehr schwer Abstand zu bewahren.

Insgesamt hat mich die Handlung, oder eher die Moral (?) sehr stark an Caspers ‘Lang lebe der Tod’ erinnert: der Tod als unverzichtbare Unterhaltung in der modernen Gesellschaft. Puh, Gänsehaut pur. Da steckt jede Menge Gesellschaftskritik dahinter. Trajans letzte Tat war auch nicht ohne, aber zu erwarten.
Das Ende war eine Zitterpartie, obwohl ich mit meinen Vermutungen den Ermittlern immer 1-2 Seiten zuvor kam. Das war aber gar nicht schlimm. So habe ich mich fast als Teil der Geschichte gefühlt.

Mein Fazit
Poznanski & Strobel zeichnen mit ihrem Thriller ‘Anonym’ ein fast schon erschreckend realistisches Bild unserer Online-Gesellschaft und der zugrundliegenden Dynamiken. Endlich ein Thriller, der mich so richtig mitgenommen und gebannt hat. Das Autorenduo hat für ein paar sehr intensive Leseerlebnisse gesorgt – ich brauche unbedingt mehr davon! Ein echter Thriller, ohne konstrukthaften Charakter. Absolut empfehlenswert!

 

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