[Rezension] Iva atmet

Iva atmet – Amanda Lasker-Berlin

Buch auf Decken mit vertrockneten Efeu-Blättern

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt | Seiten: 320
Erschienen: 2021

Kurzbeschreibung

Während Ivas Vater im Sterben liegt, kehrt sie in das Elternhaus nach Dresden zurück und stellt sich dort den Geistern ihrer Kindheit, die sich in den Zweigen der einbetonierten Köcherbäume verfangen haben. Es regen sich die Erinnerungen ihrer Großmutter: vom Völkermord an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) und von der Zeit des Dritten Reichs.


Meine Meinung

Die Auseinandersetzung mit der Nazi- und Kolonial-Vergangenheit der eigenen Familie ist ein heikles und aktuelles Thema, vor allem jetzt, wo im Mai 2021 die Verhandlungen zwischen Namibia und Deutschland über die „Versöhnung“ abgeschlossen wurden. Auch mir sitzt diese Frage im Nacken, denn allein über die Kolonialvergangenheit Deutschlands wusste ich bis vor circa einem Jahr wenig. Und um das zu ändern, griff ich zu diesem Roman. Denn egal wie man anfängt, Hauptsache man fängt an. Nach meiner Begeisterung für „Elijas Lied“ waren meine Erwartungen an diesen Roman sehr hoch, vielleicht ein bisschen zu hoch.

Iva versucht eine Familienvergangenheit aufzuarbeiten, über die sie so gut wie nichts weiß, weil die eigene Familie bzw vor allem der Vater zu Lebzeiten lieber schwieg als sich mit der Schuld auseinanderzusetzen. Diese Situation lässt sich ohne Umschweife auf unsere Gesellschaft übertragen. Niemand redet, niemand fragt. Und wenn doch, dann ist es meist schon zu spät und es ist niemand mehr da, den man fragen könnte.

So reimt sich die Protagonistin die Vergangenheit ihrer Familie zusammen: aus dem Ungesagtem, aus erinnerten Wortfetzen, aus Vorgestelltem, Fotografien, Erbstücken und den Aussagen anderer Menschen. Visionsartig, abstrakt und fast schon surreal lässt die Autorin Ivas Vergangenheit aufleben und zeichnet so die Schrecken der deutschen Kolonialzeit im heutigen Namibia mit einer unglaublichen Klarheit nach.

Es geht um eine zutiefst zerrüttete Familie: Ivas Großmutter ist in Namibia aufgewachsen, wo ihr Vater in Kolonialverbrechen tief verwickelt war. Ivas Großvater war ein überzeugter Nazi, der seine Einstellungen an den Sohn (Ivas Vater) weitergab. Zur Mutter und ihren Geschwistern hat Iva seit Jahren keinen Kontakt mehr. Und als Ivas Vater allein im Sterben liegt, stellt sich Iva dieser unaufbereiteten Familiengeschichte in ihrem Dresdener Elternhaus, wo die Geister der Vergangenheit im Vorgarten betonierte Wurzeln geschlagen haben. Doch es ist auch eine Art Selbstfindungsprozess, bei dem Iva ihre Gegenwart, ihre Zukunft, ihre Beziehungen und sich selbst in Frage stellt.

Der Einstieg in den Roman gestaltete sich anfangs ein wenig holprig. Der abgehackt wirkende Stil aus Nominalsätzen war sehr gewöhnungsbedürftig. Aber dennoch gelingt es der Autorin auf diese „einfache“ Weise, (sprach-)mächtige Bilder zu erschaffen und wirken zu lassen. Zugang zu den Figuren zu finden, fiel mir sehr schwer, das gilt sowohl für Iva, aber ganz besonders für ihre unerwartete Begleiterin.


Mein Fazit

Mit der Art und Weise wie die Autorin die Thematik umgesetzt hat, hat sie meine Erwartungen herausgefordert. Der Roman ist nicht schlecht, aber ganz anders als erwartet. Ich habe das Gefühl, dass er mehr eine Mahnung als alles andere ist. Eine Mahnung, die dazu auffordert über die Vergangenheit zu sprechen, so lange es noch Menschen gibt, die von ihr erzählen können. Ein Lesehighlight war es nicht und „Elijas Lied“ konnte es leider auch nicht das Wasser reichen.


Lieblingszitat

Die Großmutter sitzt im Sessel und erzählt Geschichten. Hat ein Märchenbuch auf den Knien, liest nicht daraus vor, schaut nicht hinein. Erzählt einfach. Von früher, nennt sie das. Aber Iva denkt: Das sind Geschichten für später. Weil sie findet: Die sind nichts für Kinder. (S. 38)

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