[Rezension] Tagebuch eines Buchhändlers

Shaun Bythell – Tagebuch eines Buchhändlers

Buch liegt auf einer grauen Decke, links daneben sieht man eine Teetasse. Auf dem Cover des Buches ist ein buntes Bücherregal abgebildet, auf einem Regalbrett liegt eine schwarze Katze. In der Mitte sind die Regelareihe freien, dort steht der englische Titel des Buches: The Diary of a Bookseller

Verlag: btb Verlag | Seiten: 448
Originaltitel: The Diary of a Bookseller | Übersetzerin: Mechthild Barth
Erschienen: 2019

Kurzbeschreibung
Shaun Bythell ist Buchhändler und Besitzer des größten Second-Hand-Buchladens des Landes: The Book Shop in Wigtown, Schottland. In seinem Tagebuch dokumentiert er seinen Alltag als Buchhändler: Er berichtet vom allgemeinen Tagesgeschäft, von Begegnungen mit unliebsamen und exzentrischen Kund:innen, von seinen eigentümlichen Mitarbeiter:innen, von den Herausforderungen des Online-Handels und von unerwarteten antiquarischen Funden.


Meine Meinung
Ich lese sehr gerne Berichte über die Arbeit von Buchhändler:innen, über Buchhandlungen allgemein, über die dort verkauften Bücher und die Kund:innen. Oftmals sind die Berichte sehr eingängig und verfügen über einen ganz besonderen Charme, der den Wunsch weckt, in der betreffenden Buchhandlung zu stöbern. „Tagebuch eines Buchhändlers“ ist so ein Buch – oder sagen wir: fast. Der (englische) Blurb verspricht eine humorvolle, geistreiche und herzerwärmende Erzählung. Dem kann ich leider nicht zustimmen. Ich fand die Tagebucheinträge monoton, fad und langweilig (ja, ich weiß, dass es Tagebucheinträge sind – dazu siehe weiter unten).

Jeder neue Monat markiert ein neues Kapitel im Leben von Shaun Bythell und seiner Buchhandlung, der mit einem kurzen Auszug aus dem Essay „Bookshop Memories“ von George Orwell vorangestellt, den der Autor auf seine Relevanz hin kommentiert (diesen Essay würde ich zu gerne mal lesen). Die Tagebucheinträge folgen einem ganz bestimmten, eintönigen Muster: Ganz zu Beginn werden die Anzahl der Online-Bestellungen und die Anzahl der gefundenen Bücher aufgelistet. Der Eintrag an sich beginnt mit einem kurzen Wetterbericht, darauf folgt das Jammern über seine Mitarbeiter:innen und seine Arbeit, darauf Anekdoten zu Begegnungen mit Kund:innen, zum An- und Verkauf von Büchern und Buchbeständen. Auch kommentiert er gelegentlich die Mitgliederzahl seines Buchclubs und beschreibt das Eintüten der Bücher für denselben (Spannung!). Jeder Eintrag schließt mit einer Übersicht über die täglichen Einnahmen und Kund:innenzahl. Gelegentlich erzählt der Autor auch über die (technischen und logistischen) Probleme, die der Umstieg auf den Online-Handel für einen Second-Hand-Buchladen in Großbritannien mit sich bringt. Diese Passagen fand ich tatsächlich informativ und interessant. Auch sind ein paar amüsante Kund:innenbegegnungen dabei, allerdings gehen die im restlichen Wust und Gejammer unter. Ganz unerträglich fand ich die Tagebucheinträge, die zur Zeit des Bücher-Festivals entstanden sind: so viel Name-Dropping und Überflüssigkeiten. Insgesamt gab es sehr viele Längen und ich habe häufig hin- und herüberlegt, das Buch abzubrechen.

Der Ton ist überheblich und sehr wertend. Shaun Bythell beurteilt die Kund:innen und auch seine Mitrarbeiter:innen nicht nur nach ihrem Verhalten oder Büchergeschmack, sondern auch nach ihrem Aussehen. Dabei sind die Kommentare, die er von sich gibt sehr unfreundlich und teilweise beleidigend. Daraus macht der Autor aber auch keinen Hehl – Ironie und Sarkasmus, yeah! Oftmals hatte ich das Gefühl, dass er geradezu stolz auf seine verschrobene, unfreundliche Art ist. Ich empfand dieses Gehabe als abschreckend und ich habe auch absolut keine Lust in dieser Buchhandlung zu stöbern, sollte ich jemals nach Wigtown, Schottland kommen. Schade!

Mir ist natürlich bewusst, dass es sich bei dem Buch um ein Tagebuch eines Buchhändlers handelt. Tagebücher sind normalerweise nicht spannend (gibt natürlich Ausnahmen) und der Alltag eines Buchhändlers/einer Buchhändlerin ist normalerweise auch kein Indiana Jones-Abenteuer, aber dennoch habe ich etwas mehr erwartet. Man hätte aus den Tagebucheinträgen viel mehr herausholen können, wenn man sie zusammengefasst oder bestimmte inhaltliche Schwerpunkte gesetzt hätte. So hatte ich das Gefühl, dass die Einträge einfach nur stur heruntergeschrieben wurden, mit dem einzigen Zweck, etwas zu sagen zu haben und nicht, weil man mit Leidenschaft bei der Sache ist.


Mein Fazit
„Tagebuch eines Buchhändlers“ von Shaun Bythell ist ein sehr eintöniger, ganz und gar nicht liebenswürdiger, humorvoller oder reizvoller Bericht über die Freuden, in diesem Fall besonders über die Leiden eines Buchhändlers (es war teilweise ein einziges Jammertal). Die Lektüre zog sich in die Länge, war trocken und langweilig.


Zitat des Schreckens
Today was Katie’s last day, so I gave her a hug as she was leaving. She hates physical contact, so it was particularly gratifying to see how uncomfortable it made her. (S. 189)


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