[Rezension] Sei kein Mann

Sei kein Mann – JJ Bola

Das Buch liegt linksseitig im Bild auf einem weißen, flauschigen Untergrund und auf einer dunkelgrauen Decke. Rechts vom Buch liegen weiße Kärtchen mit verschiedenen Begriffen durcheinander in blau, pink und blau-pink. Blaue Begriffe (von oben nach unten): Maskerade, strotzend, herb, soldatisch, archaisch, ungebrochen, kraftvoll, heroisch, symbolisieren, kriegerisch, Potenz, hegemonisch, Bastion. Pinke Begriffe (von oben nach unten): verführerisch, hold, Feminismus, Erotik, Eleganz, prall, verleugnen, Klischee, kolossal, selbstbestimmt, Mütterlichkeit, Verkörperung, unterdrückt, Mutterschaft. Pink-blaue Begriffe (von oben nach unten): geballt, Attribut, Sinnbild, Sinnlichkeit, Inbegriff. Rechts neben den Kärtchen ist noch ein beigefarbenes Kissen mit Kursivschrift zu sehen. Im oberen Teil des Bildes liegt eine dunkelgraue Decke. Auf dem Cover ist der Autor abgebildet (ein Schwarzer Mann, mit Bart. Er trägt eine Mütze, einen Pulli und darüber einen Mantel. Das Cover ist zur Hälfte blau und zur anderen pink gefärbt (diagonal geteilt). In weißer Schrift steht ganz oben

Verlag: Hanserblau | Seiten: 160
Originaltitel: Mask Off | Übersetzer: Malcolm Ohanwe
Erschienen: 2020

Kurzbeschreibung: Männer LOL

„Men are trash“, „Masculinity, oh so fragile“ und „Toxic Masculinity“ sind Ausdrücke, mit der man heutzutage eine Männlichkeit bezeichnet, die festgefahren ist, die mitten in einer Krise feststeckt. Mittels seines kongolesisch geprägten Blicks nimmt sich JJ Bola dieser westlichen Männlichkeit an, zerlegt und analysiert sie. Er zeigt, dass es an der Zeit ist, nicht mehr nur von einer Männlichkeit zu sprechen, sondern von vielen Männlichkeiten und diese auch zu leben.


Meine Meinung: Binär ist langweilig!

Wenn wir von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ sprechen, ist unser Sprachgebrauch binär, einseitig und stereotypisch. Wie im Bild zu erkennen ist, tritt „Männlichkeit“ häufig mit Worten wie „archaisch/heroisch/kraftvoll/kriegerisch“ auf, während „Weiblichkeit“ hingegen mit Wörtern wie „hold/verführerisch/unterdrückt/Mutterschaft“ zusammensteht (hier geht es zum Wortprofil „Männlichkeit“ (Externer Link) und hier zum Wortprofil „Weiblichkeit“ (Externer Link) – auch die beiden Wortprofile zu vergleichen, führt zu interessanten Ergebnissen). Man kommt unweigerlich zu dem Schluss: Irgendwas stimmt da nicht.

Dieser Ansicht ist auch JJ Bola, der diese einseitige, aggressive Männlichkeit herausfordert. In seinem Buch bricht er mit Männlichkeitsmythen, spricht von männlicher Gewalt, Aggressivität und der psychischen Gesundheit, die bei und von Männern viel zu häufig unter den Tisch gekehrt wird. Außerdem geht er auf Themen wie den Feminismus, die Gleichberechtigung, die Liebe und den Sex ein. Er enthüllt schädigende Dynamiken in Politik, Sport und den Sozialen Medien. Mit seinem (intersektionalen) Rundumschlag zeigt er, wie unsere Gesellschaft, wie das Patriarchat nicht nur den Frauen schadet, sondern auch denjenigen, die es angeblich bevorzugen soll.

Die Erkenntnisse, die der Autor mitteilt, waren mir in ihren Grundzügen nicht neu. Was mich tatsächlich überrascht, oder eher entsetzt hat, war das Ausmaß, die Reichweite dieser strukturellen Probleme. Mir ist bewusst, dass auch ich mit einem binären Blick auf die Menschen sozialisiert wurde. Und dass auch ich diesem toxischen Männlichkeitsbild, welches der Autor zurecht kritisiert und hinterfragt, Raum gegeben und es reproduziert habe – und das mich inzwischen zur Weißglut bringt. Denn ich als Frau bekomme die Auswirkungen dieser Männlichkeit häufiger zu spüren als mir lieb ist. Deswegen ist es an der Zeit, diesen binären Blick aufzubrechen. Aber nicht nur aus Eigenschutz liegt mir dieser Diskurs so am Herzen, sondern auch wegen all der Männer, die in meinem Leben eine wichtige Rolle spielen (werden). Es hat mich bestürzt zu lesen, in wie vielen Bereichen Männer von ihrer gesellschaftlich vorgeschriebenen Männlichkeit zurück und klein gehalten werden.

Interessant fand ich Bolas differenzierten Blick. Er kennt und (er)lebt nicht nur die westliche, sondern durch seine kongolesischen Wurzeln auch ein nicht-westliches Männlichkeitsbild. Er bezieht auch die LGBTQ+-Community in seine Überlegungen mit ein. Indem er diese und weitere Ausprägungen von Männlichkeit gegenüberstellt und vergleicht, wird nochmal um einiges deutlicher, dass es auch anders geht.

JJ Bola zeigt viele Probleme auf; dabei schöpft er aus seinem eigenen Erfahrungsschatz, stützt sich auf Statistiken und auf Aussagen von anderen jungen Männern (siehe “The 8 Club”). Aber ihm liegt auch viel daran, Lösungen zu präsentieren: Er ist konstruktiv und zeigt Möglichkeiten auf, wie eine vielseitige Männlichkeit entworfen und gelebt werden kann.

Mit seinen Ausführungen deckt der Autor eine sehr große Bandbreite von Themen ab und bleibt relativ oberflächlich (was man ihm zum Vorwurf machen kann). Allerdings möchte er, wie er selbst sagt, mit seinem Buch so viele Menschen wie möglich erreichen, daher fand ich es in Ordnung, dass er sich breitgefächert auf die wichtigsten Fakten und Tatsachen beschränkt hat. Man kann sein Buch als Ausgangspunkt für eine vertiefte Auseinandersetzung nutzen. Auch ich habe, obwohl mir die Inhalte bis zu einem gewissen Grad schon bekannt waren, auch neue Denkanstöße aus der Lektüre mitgenommen.


Ähnliches Setting wie im oberen Foto. Neben dem Buch liegen wieder weiße Kärtchen allerdings mit buntgefärbten Begriffen (von oben nach unten): individuell (lila), hilfsbereit (orange), hoffnungsvoll (rot), Männlichkeiten (grün), dynamisch (braun), Weiblichkeiten (gelb), vielfältig (orange), selbstbestimmt (grau), unbeschwert (rot), kreativ (schwarz), offen (rot), komplex (grün), wandelbar (grau), frei (orange), unkonventionell (braun), gleichberechtigt (gelb), menschlich (schwarz), fließend (lila), unabhängig (grün).

Mein Fazit: Aber nicht alle Männer…

„Sei kein Mann“ von JJ Bola ist ein wichtiges Buch, das den Nerv der Zeit trifft. Es handelt sich um eine Lektüre, die ich vor allem denjenigen Männern ans Herz legen möchte, die in jedem zweiten Atemzug, mit stolz- und empörungsgeschwollener Brust herausposaunen: “Aber nicht alle Männer…”. Dieses Buch erspart uns Frauen eine Menge Aufklärungsarbeit. Bolas Text ist ein Plädoyer für ein gleichberechtigteres und vielfältiges Miteinander. Individualität kann vielgestaltig sein und sollte sich nicht innerhalb eines vorgegeben, binären Rahmens entfalten. Das Buch ist ein Zeichen dafür, dass es an der Zeit ist, umzudenken, das Patriarchat und seine schädlichen Auswirkungen abzubauen. Daher kann ich für das Buch eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen.

Auch sehenswert sind die Diskussionsrunden, die auf YouTube unter dem Titel “The 8 Club” erscheinen. Dort diskutiert JJ Bola mit jungen Männern über genau die Themen, die er in seinem Buch bespricht: The 8 Club // Rite of Passage // Ep 1 (Externer Link)


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